Vorhandene Bebauung II

Die  Heinefeld-Siedlung

Bereits seit Mitte der 20er Jahre hatte, wie in vielen anderen deutschen Städten auch, in Düsseldorf eine Entwicklung begonnen, die vielen Bürgern Sorge bereitete und Maßnahmen zur Umgestaltung insbesondere des noch wenig erschlossenen Düsseldorfer Nordens verlangte. Ein Ratsherr warnte 1928: „Sie sehen es ja selber, wenn Sie in den Norden hinüberschauen, was da alles heute los ist. Wir müssen rechtzeitig Vorsorge treffen, daß da nichts passiert, was uns später unangenehm, lästig und hinderlich ist.“ 1 Gemeint waren drei in direkter Nachbarschaft zum Schlageterkreuz entstandene ‚Wilde Siedlungen‘, die Thewissensiedlung, die Siedlung ‚Rotes Haus‘ und die weit über die Grenzen Düsseldorfs bekannte ‚ Heinefeld-Siedlung‘ in der Golzheimer Heide. Nach dem Abzug der französischen Truppen im Jahre 1925 hatten sich hier auf dem verlassenen Gelände die ersten Siedler niedergelassen, 2 zuerst nur in den leeren Munitionsbaracken und Pulverschuppen, später auch in selbst errichteten, „zum größten Teil völlig unzulänglichen Holzwohnungen, Wohnwagen“, Gartenlauben und einhalbsteinstarken, massiven Notwohnungen. 3 Dies geschah vor allem während der Krisenjahre und in völliger Illegalität unter den machtlosen Augen der Stadt, die sich bewusst war, dass sie den sozialen Frieden weiter gefährden würde, sollte sie die Siedlung räumen ohne Ersatzwohnungen zur Verfügung zu stellen. 4 Teilweise war die Stadtverwaltung selbst für die katastrophale Wohnsituation verantwortlich, denn die Mieten für die Zweiraum-Wohnungen für Minderbemittelte, die sie hatte bauen lassen, hatten sich nach Bauende von 18 auf 36 Mark verdoppelt. Dies führte dazu, dass jene Familien, die aus Obdachlosenheimen in die feuchten, von Ungeziefer befallenen, kasernenartigen Blöcke gezogen waren, schnell in Mietverzug gerieten. Da die Stadt aber auf die Bezahlung der Mietschulden in voller Höhe bestand, um das Bauvorhaben zu Ende führen zu können, flüchteten sie in die Wilden Siedlungen, die sogenannten Arbeitslosen-Selbsthilfe-Siedlungen. 5 Hier bauten sie vorzugsweise auf fiskalischem Gelände und in der Nähe von Bahnanlagen Schuppen und Häuser. Die Kosten für das Material bestritten sie entweder aus der Wohlfahrtunterstützung oder durch Gelegenheitsjobs. Neben wilden Eigenkonstruktionen gab es auch schlüsselfertige Häuser aus Holz oder Stein, deren Preise meist zwischen 400 und 500 Mark lagen. Sie boten zwei Zimmer und eine umbaute Fläche von 3 x 6 bis 4 x 8 Meter. 6

A320 Eine Wohnhütte in der wilden Siedlung Heinefeld, im Hintergrund das Schlageterkreuz Q StAD 038.106.001, Foto Martin Knaur 1934
A320 Eine Wohnhütte in der wilden Siedlung Heinefeld, im Hintergrund das Schlageterkreuz Q StAD 038.106.001, Foto Martin Knaur 1934

Um größeren Schwierigkeiten aus dem Wege zu gehen – die Stadt war machtlos, solange sie keine preiswerten Alternativen bieten konnte – , tolerierte man nicht nur das Entstehen von immer neuen Häuschen und Hütten, sondern versuchte sogar, das Siedeln zu legalisieren und in Bahnen zu lenken. Auch reichsweite Stellen, wie das Reichskuratorium für Wirtschaftlichkeit, bemühten sich, die Tatkraft der neuen Siedler nicht nur in Düsseldorf, sondern auch in anderen Städten mit ähnlichen Problemen (Frankfurt/M, Berlin) systematisch zu mobilisieren, um das große latente Potential der freien Arbeitskräfte zu nutzen. 7

A321 Behausung in der Heinefeldsiedlung Q StAD 038.106.002, Foto Martin Knaur 1934
A321 Behausung in der Heinefeldsiedlung Q StAD 038.106.002, Foto Martin Knaur 1934

Es galt vordringlich, die sozialen und gesundheitlichen Gefahren zu reduzieren, die durch das enge Zusammenleben der Menschen und die unzulänglichen hygienischen Bedingungen gegeben waren. Teilweise lebten hier Mensch und Vieh unter einem Dach, wenn nicht in einem Raum. 8 Zudem waren die meisten Unterkünfte feucht, so dass das Wenige, was den Bewohnern noch geblieben war, verderben musste. 9 Insbesondere die Gefahr der Ausbreitung von Seuchen war groß, da die Siedlung fast gänzlich ohne Wasserleitungen und mit nur unzureichender Abwasserbeseitigung auskommen musste. 10 Eine Typhus-Epidemie war bereits ausgebrochen, konnte aber schnell eingedämmt werden, so dass lediglich ein Todesopfer zu beklagen war. 11

A322 Heinefeldsiedlung, im Hintergrund der Nordfriedhof Q StAD 038.106.003
A322 Heinefeldsiedlung, im Hintergrund der Nordfriedhof Q StAD 038.106.003

Ansonsten war auf dem Heinefeld eine fast normale Siedlung entstanden, es gab drei Geschäfte, von denen zwei auf Kredit verkauften und es gab einen ausgeprägten Gemeinschaftssinn, der sich vor allem in gegenseitiger Hilfe ausdrückte. 12 Die Bevölkerung dieses „Stadtteils“ – im Sommer 1933 lebten hier 1.221 Personen in 325 Gebäuden 13 – bestand im wesentlichen aus Erwerbslosen und Sinti und Roma, die teilweise die Räder ihrer Wohnwagen abmontiert hatten, um als sesshaft zu gelten. 14 Der Düsseldorfer Künstler und spätere Akademieprofessor Otto Pankok hatte hier zwischen 1931 und 1934 ein Atelier und dokumentierte in seinen Bildern eindrucksvoll das Leben in der wilden Siedlung. 15 Die Presse belegt, dass das „Selbsthilfepotential, die Tatkraft und der Erfindungsgeist“ der Siedler positiven Zuspruch bei der Bevölkerung Düsseldorfs hervorrief. 16 Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurden die Ressentiments der Stadt gegen die unkontrollierbaren Zustände immer stärker, zumal sich hier viele Kommunisten aufhielten. Wie die Nazis über die Wilde Siedlung dachten, wird durch den folgenden Zeitungsartikel deutlich:

„Begünstigt durch die kommunistische Elendstheorie wurde das Heinefeld sehr bald zum Sammelpunkt aller möglichen asozialen Elemente und zugleich zu einem politischen Unruheherd erster Ordnung. Hier fanden entwichene Verbrecher und ausgerissene Fürsorgezöglinge stets einen Unterschlupf. Das Auffinden war umso schwieriger, als die wilden Siedlungen weder Straßenbezeichnungen noch die Wohnungsbaracken ordnungsgemäße Hausnummern hatten.“ 17

Die Auflösung dieses „gesundheitlichen, sozialen, moralischen und politischen Gefahrenherdes erster Ordnung“ 18 wurde am 1.12.1934 endgültig beschlossen und in den Jahren 1935/36 – teilweise mit äußerster Brutalität – durchgesetzt. Aufgrund des in direkter Nähe liegenden „Schlageter-Nationalheiligtums“ und des Flughafens sah man die Räumung der Wilden Siedlung als unumgänglich an. 19 Auch die Tatsache, dass jeder Ausstellungsbesucher schon bei der Anfahrt von der Haupteinfallsstraße die Siedlung entdecken konnte, spätestens aber beim Besuch des Schlageterhains das Elendsviertel sehen musste, hat die Räumung des Geländes noch vor 1937 weiter forciert. Bei der Räumungsaktion sollten „unbillige Härten“ vermieden und bei den Bewohnern das „Gefühl von Gerechtigkeit“ erzeugt werden. 20 Wie diese Gerechtigkeit aussah, lässt sich anhand der Kategorisierung in drei ‚Schichten‘ erahnen:

a. „Volksgenossen, die sich ohne Unterstützung der Öffentlichkeit eine Behausung geschaffen, Land bebaut und Aufbauwillen gezeigt hatten“ erhielten eine Kleinsiedlerstelle (gegen Pacht), finanziell schwächer Gestellte sollten eine vom Regierungspräsidenten sondergenehmigte, vereinfachte, aber ausbaufähige Siedlerstelle erhalten, incl. Stall und 1.000 qm Landzulage.

b. „Volksgenossen, die durch lange Erwerbslosigkeit völlig verarmt sind und Siedlereigenschaften nicht gezeigt haben, sowie solche, die zwar zu den zweifelhaften Objekten zählen, bei denen aber zu hoffen ist, dass sie bei Besserung ihrer Lage und bei Wiedereintritt in das Erwerbsleben wieder zu brauchbaren Gliedern der Volksgemeinschaft werden“, sollten Volkswohnungen einfachster Art erhalten (Verbilligung durch steilere Dächer, Ausbau derselben zu Schlafkammern, Anlage einfachster Treppen, weitgehende Mitarbeit der Siedler, billige Mittel der Stadt, da es keine finanzielle Unterstützung des Staates gibt).

c. „hoffnungslos asoziale Bewohner des Heinefeldes und Zigeuner“ können Anspruch auf Unterbringung in neuen einfachen billigen Wohnungen nicht erheben, sie werden daher in Notstandswohnungen in der Stadt, z.B. in der Ulmenkaserne unterzubringen sein, einer früheren Franzosenkaserne von 1921. Ein Recht auf Entschädigung für die Räumung gab es nicht. Als Trost blieb den Bewohnern nur, dass bei der Aufteilung in die drei Gruppen „milde verfahren“ werden sollte. 21 Die ehemaligen Bewohner der wilden Siedlung wurden nach erbbiologischen Kriterien, sowie politischer und sozialer Zuverlässigkeit in drei Gruppen aufgeteilt und daraufhin entweder auf neue Kleinsiedlerstellen verteilt, in Volkswohnungen eingewiesen oder in Obdachlosenunterkünften untergebracht. Die Sinti und Roma, damals auch „lichtscheues Gesindel“ genannt 22 wurden unter unmenschlichen Verhältnissen jahrelang in ein Barackenlager am Höher Weg gesperrt, das, umgeben von einem Stacheldrahtzaun, sie unter Kontrolle hielt, bis man sie nach Untersuchungen der Rassebiologischen Forschungsstelle in Sammellager nach Köln schickte. Von dort aus wurden sie größtenteils in Ghettos und Konzentrationslager verschleppt und ermordet. 23

Die Golzheimer Heide wurde bereits seit 1931, als die Wilden Siedlungen noch standen, mit Erwerbslosensiedlungshäusern bebaut. Im Heinefeld wurden etwa 200 Siedlerstellen errichtet, in der Siedlung Rotes Haus etwa 150.

A323 Blick auf d ie Heinefeldsiedlung am 10. Januar 1935 Q StAD IV 2693
A323 Blick auf d ie Heinefeldsiedlung am 10. Januar 1935 Q StAD IV 2693

Das eigentliche Ausstellungsgelände – mit Ausnahme des geplanten Schlageterforums – lag innerhalb einer fast dreieckigen Fläche, die südwestlich durch den Rhein, östlich durch die nach Duisburg und Holland führende Richthofenstraße (heute Kaiserwerther Straße) und nördlich durch die Stockumer Kirchstraße gebildet wurde. Im südlichen Teil grenzte es an das ehemalige Gelände der Industrie- und Gewerbe-Ausstellung von 1902 bzw. der Gesolei. Es gab lediglich zwei feste Straßen: die von der Richthofenstraße abzweigende Grünewaldstraße und die Menzelstraße, eine Seitenstraße der Grünewaldstraße, die an dem Hauptportal der Neuen Akademie vorbeiführte. Im nördlichen Teil befanden sich vor allem landwirtschaftliche Flächen, wohingegen auf dem stadteinwärts gerichteten Teil stillgelegte Industrieanlagen vorherrschten. Inmitten der gewerblichen Flächen lag dort ebenfalls die Leiffmann-Villa.

Das Stadion

A323a-Das-erste-Rheinstadion-Q-Bundesarchiv-Bild-195-0979-1.jpg
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Als einziges ausgeführtes Zeugnis des Bebauungsplanes von Professor Muesmann befand sich nördlich des Ausstellungsgeländes das 1925/26 vom Düsseldorfer Stadtbauamt erbaute Rheinstadion. Keine reine Sportanlage, sondern eine die Bedürfnisse der Allgemeinheit „hygienisch wie moralisch“ befriedigende Anlage war hier weit außerhalb des Stadtkerns entstanden, in der Hoffnung, die Sport- und Erholungsstätte in den nächsten Jahren baulich und verkehrlich an den Rest der Stadt angliedern zu können. Bis dato war das Stadion durch eine Straßenbahnlinie und eine Rheinuferstraße mit der Innenstadt verbunden.

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1. Stenographische Verhandlungsberichte der Stadtverordnetenversammlung zu Düsseldorf vom 20.9.1928:243
2. Harlander 1988:148
3. Harlander 1988:149
4. Harlander 1988:150
5. RKW-Nachrichten, 10.1931:1
6. RKW-Nachrichten, 10.1931:3
7. Vgl. RKW-Nachrichten, 10-1931:1
8. Denkschrift 1934:3
9. Denkschrift 1934:3
10. Harlander 1988:150
11. Denkschrift 1934:3
12. RKW-Nachrichten, 10-1931:1-8
13. Fings 1992:21; vgl. auch Denkschrift 1934:3, Zählung vom 16.6.1933. Diese Zahlen liegen weit unter den Angaben von 1931, als die Bevölkerung der Heinefeld-Siedlung aus 500 Familien bzw. 2.000 Personen bestand. Dies ist zu erklären mit der sich seit 1932 verbessernden wirtschaftlichen Lage, die mehr Personen Beschäftigung und Lohn bot und damit auch eine feste Unterkunft ermöglichte.
14. Otto Pankok zit. in Fings 1992:22
15. Fings 1992:21
16. Harlander 1988:153
17. DLZ vom 9.1.1937, zit. in Fings 1992:22
18. Schreiben des Oberbürgermeisters-Stadtkämmerei vom 13.9.1935 an das Gauheimstättenamt der NSDAP betr. Räumung des Heinefeldes, in: StAD vii 1976; zit. in Fings 1992:23; vgl. auch Denkschrift 1934:4
19. Denkschrift 1934:4
20. StAD iv 33481, Protokoll vom 26.9.1935
21. StAD iv 33481, Protokoll vom 26.9.1935 Zu diesem Zeitpunkt war die Zahl der im Heinefeld lebenden Familien bereits auf 291 gesunken. (1933: 336)
22. Denkschrift 1934:4
23. Rusinek 1990:131 ff

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