Fazit

Die Ausstellung ‚Schaffendes Volk‘ war mit dem Anspruch eröffnet worden, auf 780.000 qm ein „Spiegelbild des Deutschland von 1937“ 1 darzustellen, das konzentrierte Abbild des neuen, nationalsozialistischen Deutschlands mit all seinen Errungenschaften und Leistungen. Die unterschiedlichsten Gebiete des öffentlichen und privaten Lebens wollte man rückschauend und gleichzeitig zukunftsweisend ausstellen: das Bauen und Wohnen, die Freizeit und die Arbeit, die Struktur von Staat und Partei, den Aufbau des Landes, die Produktion alter und die Entwicklung neuer Industrieprodukte, die ‚deutsche‘ Kunst.

Die Ausstellung war keinesfalls als objektiver oder gar kritischer Rechenschaftsbericht über die nationalsozialistischen Leistungen seit der ‚Machtübernahme‘ 1933 geplant, sie war – und das war auch jedem Besucher klar – ein Propagandamittel, das das Deutsche Reich in glänzendem Licht darstellen sollte. Es ging darum, die Zweifler zu überzeugen und andere, die bereits an die Allmacht der nationalsozialistischen Führung glaubten, zu bestätigen: Deutschland hatte es geschafft sich aus den Fesseln seiner Nachbarstaaten zu befreien und stand nun am Beginn einer tausendjährigen Blütezeit.

Die Ausstellung pries alle Zeichen des technischen Fortschritts als Errungenschaft der nationalsozialistischen Bewegung an, als vermeintlich herausragende Leistungen des Dritten Reiches. Das gezeigte Bauen und Wohnen, die bildende Kunst, der Gartenbau, die Didaktik der ‚kulturellen Lehrschau‘, die neuen Produkte der Industrie sollten Ergebnisse der nationalsozialistischen Erneuerung sein und erhielten das Prädikat ‚deutsch‘, was sich bei genauem Hinsehen oft als Etikettenschwindel herausstellte. Denn entgegen der Behauptungen der NS-Ideologen hatte es seit 1933 weder eine grundlegende Erneuerung durch den Nationalsozialismus gegeben, noch besaß man eine konsequente, einheitliche Ideologie die man gemeinsam zu verfolgen bereit war.

Das Zusammen- und Gegenspiel der Ideologien wird besonders deutlich am Beispiel der Architektur, denn hier wurde keineswegs nur die angepriesene traditionelle Bauweise verwirklicht. Daneben fand man klassizistisch-monumentale und selbst moderne Merkmale, geordnet nach Ziel und Zweck: Genau wie im Reich selbst setzte man auch in der Ausstellung für die repräsentative Selbstdarstellung und Demonstration der Macht auf Monumentalität, zur Befriedigung der Bedürfnisse des einfachen Volkes auf Volkstümliches bis hin zu anheimelndem Kitsch. Im Bereich der für die Rüstung äußerst wichtigen Industriearchitektur nutzte man die Formensprache der Moderne als notwendige Grundlage fortschrittlicher Produktionsstätten. Diese in fast allen Bereichen des täglichen Lebens zu findende Dreiteilung unterlag einem einfachen Konzept: Das gemeine Volk wurde auf eine Zeitreise in die Vergangenheit geschickt, in eine Welt, die so wenig wie möglich mit der modernen zu tun hatte. Es wurde durch Volkstümliches zufrieden und ruhig gestellt und durch falsche, staatlich gelenkte Desinformationen dumm gehalten. Damit dieses Volk nicht das Bedürfnis entwickelte sich aus seiner Situation der Unmündigkeit zu befreien, hatte der Staat nicht nur eine perfekt organisierte staatliche Unterhaltungskultur geschaffen, die das Freizeitverhalten des gemeinen Volkes in parteikonforme Bahnen zu lenken suchte – und das ohne Fernsehgeräte, 2 sondern stand gleichsam mit erhobener Hand einschüchternd über dem Volk, repräsentiert durch ein monumentales und dominantes Auftreten, das sich in Gesten, in der Sprache und nicht zuletzt auch in der Architektur manifestierte. Daneben stand die wirtschaftliche Produktivität, die nach den modernsten Mitteln verlangte, da sie zur Sicherung der Macht und für die Kriegsvorbereitung ebenso notwendig war wie die Kooperationsbereitschaft oder wenigstens das Stillhalten des Volkes. Für eine optimale Ausnutzung des industriellen ökonomischen Potentials war eine Ausrichtung auf neuzeitliche, zweckorientierte Bauformen notwendig und daher akzeptiert. Dagegen gab es Nischen, die nicht durch nationalsozialistische Ideologien besetzt waren, wie die Gartenkunst, die ihre eigenen Regeln verfolgen konnte, da es eine klare Definition des nationalsozialistischen Gartens nicht gab. Offensichtlich fühlte sich keiner der NS-Ideologen für diesen Bereich zuständig.

Wenn diese der Dreiteilung architektonischen Ausdrucksformen auch dem beschriebenen, scheinbar bewusst gewählten Prinzip unterlag, so darf nicht übersehen werden, dass sie eher das Resultat der mehr oder weniger willkürlichen Zusammenstellung der künstlerischen Leiter der Ausstellung denn geplante Realität war. Die Verantwortlichen Ausstellungsmacher hatten keineswegs die gleiche Vorstellung davon, was als ‚deutsch‘ zu bezeichnen war. Die Gründe dafür sind deutlich: Weder kommunal noch reichsweit gab es feste nationalsozialistische Vorgaben. Selbst auf oberster Ebene konnten sich die Machthaber nicht auf einheitliche Strategien einigen. Seit ihrer Gründung konnte man in der Nationalsozialistischen Partei die unterschiedlichsten Weltanschauungen finden, was sich auch nach 1933 nicht wesentlich geändert hatte. 3 Auch während der NS-Regierungszeit kam es innerhalb der Partei immer wieder zu Machtkämpfen und Kompetenzstreitigkeiten, da die Aussagen selbst führender Nationalsozialisten „stets mehr oder weniger persönliche Meinungen oder spezielle weltanschauliche Varianten [blieben], die neben anderen, oft widersprüchlichen Meinungen vertreten werden konnten.“ 4 Für die Düsseldorfer Ausstellungsmacher bedeutete das eine gewisse Unsicherheit und Ratlosigkeit, aber gleichzeitig auch einen großen Freiraum. Wie die Mustersiedlungen, die Kunstwerke und die Hallen zeigten war sich die Ausstellungsleitung ebenso uneinig wie die Führung des Reiches, was hier wie da zu Machtgerangel und Korruption führte.

Somit gelang es den Ausstellungsmachern weder ein klares Bild ihrer Vorstellungen über das künftige Deutschland zu zeichnen noch einheitliche nationalsozialistische Wertmaßstäbe darzustellen. Einen nationalsozialistischen Stil, ob in der Architektur, in der bildenden Kunst oder in anderen Bereichen gab es ausschließlich – und hier auch nur ansatzweise – in der Theorie. Die Praxis sah ganz anders aus: Der auf der Ausstellung präsentierte Stil war nicht einheitlich und schon gar nicht neu. Die stilistischen Ausdrucksformen entstammten den mannigfaltigen Kunst- und Kulturrichtungen der Weimarer Republik und waren keineswegs eine nationalsozialistische Invention. Entgegen der weit verbreiteten Ansicht hatte mit der Machtübergabe an die Nationalsozialisten nicht ein völlig ‚anderes Deutschland‘ zu existieren begonnen; die neuen Machthaber knüpften fast ausschließlich an bereits bekannte Strömungen an. Am Beispiel der Architektur zeigt sich am deutlichsten, wie wenig die Chefideologen der NSDAP eine homogene nationalsozialistische Ideologie verfolgten und wie sehr sie dagegen die unterschiedlichsten Stilrichtungen – teilweise konkurrierend – weiterführten. Neu war die etwas ungeordnete, aber offensichtlich höchst effektive Vermischung sich scheinbar widersprechender Konzepte: Tradition und Altbackenes standen völlig gleichberechtigt neben Fortschritt und Technik. Wahrscheinlich war gerade aufgrund dieser Mischung der Nationalsozialismus in der breiten Masse so erfolgreich, erfolgreicher als jene Strömungen der 20er Jahre, die mit einer radikalen Forderung nach Erneuerung und Modernisierung den Normalbürger verschreckten. Der „hochtechnisierter Romantizismus“ 5 des Dritten Reiches beließ dem durch Krieg, Besetzung und ständigen Unruhen aufgewühlten Volk das Bekannte, das Sicherheit verlieh: Daneben verlor das Neue und Angsteinflößende einen großen Teil seiner Bedrohlichkeit und die positiven Seiten der modernen Technik wurden annehmbar. Durch die scheinbare Sicherheit der heimischen Scholle waren die Entwicklungen im Reich weit weg und wenig erschreckend.

Die Geschichte der Ausstellung macht deutlich, dass die Jahre nach 1933 kein isolierter Zeitabschnitt waren. Der Alltag blieb in vielen Teilen unverändert und doch brachten einige kleine – häufig personelle – Veränderungen an den entscheidenden Stellen ein völlig neues und für viele Menschen bedrückendes Lebensgefühl mit sich. Wenn man erkennt, dass es weder 1933 noch 1945 eine ‚Stunde Null‘ gegeben hat, dass das Dritte Reich sowohl mit der Zeit vor 1933 als auch nach 1945 eng verbunden ist, wird das Naheliegende immer deutlicher: Der nationalsozialistische Geist hatte bereits vor 1933 existiert und es gibt ihn noch heute. Wir sollten ihm nicht die Chance geben noch einmal an die entscheidenden Stellen zu gelangen.

[→ Überblick]


1. Maiwald 1939:32
2. Vgl. Reichel 1991
3. Vgl. Broszat 1995:33 f
4. Broszat 1995:34
5. Thomas Mann: Deutschland und die Deutschen, in: ders.: An die gesittete Welt, Frankfurt/Main 1986:718

 

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