Die Konzeption der Ausstellung

Eine alte Werkbundidee:
Die Ausstellung ‚Die Neue Zeit‘

Im Jahre 1934 schrieb die Stadt Düsseldorf einen großen städteplanerischen Wettbewerb aus. Gestaltet werden sollte eine große Feier- und Gedenkstätte, das sogenannte Schlageterforum, das unter anderem als Versammlungsort für Parteifeiern genutzt werden sollte. 1 Die Preisjury bestand aus zahlreichen prominenten Politikern wie Alfred Rosenberg, Baldur von Schirach oder Regierungspräsident Schmid. Als Fachpreisrichter wurden vorwiegend Architekten eingesetzt, unter ihnen der Direktor der Düsseldorfer Kunstakademie Professor Peter Grund und der Vorsitzende des Deutschen Werkbundes und des Fachverbandes des Bundes Deutscher Architekten Professor Carl Christoph Lörcher. 2 Die Begegnung der beiden letztgenannten Herren bei einer Sitzung der Preiskommission 1934 in Düsseldorf war offensichtlich der Initialfunke für die Ausstellung ‚ Schaffendes Volk‘, denn beide hatten ein ausgeprägtes Interesse an der Veranstaltung einer großen Ausstellung.

Der SA-Mann und Experte für Siedlungsfragen im Kampfbund deutscher Architekten und Ingenieure (KDAI) Carl Christoph Lörcher war am 6. Juni 1933 zum Vorsitzenden des Deutschen Werkbundes gewählt worden. Er war damit an die Spitze eines Vereins gelangt, der es sich zum Ziel gemacht hatte sich in den Dienst der deutschen Kultur zu stellen. Der Werkbund war am 6. Oktober 1907 von Künstlern und Industriellen mit dem Zweck gegründet worden die Veredelung der gewerblichen Arbeit im Zusammenwirken von Kunst, Industrie und Handwerk durch Erziehung, Propaganda und geschlossene Stellungnahme zu einschlägigen Fragen“ 3 voranzutreiben. Die deutsche Wirtschaft war damals an einem Tiefpunkt angelangt und sollte nach Meinung der Werkbündler in einer gemeinsamen Kraftanstrengung von Künstlern, Handwerkern und Industriellen die Qualität seiner Produkte steigern um die deutsche Arbeit vor allem gegen die europäische Konkurrenz aus England und Holland zu stärken. Die von wuchernden Schmuckmotiven vergangene Jahrhunderte überladenen Erzeugnisse der deutschen Wirtschaft folgten immer mehr oberflächlichen Modeerscheinungen anstatt sowohl für Hersteller als auch Käufer wirklich befriedigende Waren herzustellen. „Deutsche Wertarbeit“ sollte nicht nur die Wirtschaft stärken, sondern gleichzeitig auch die deutsche Kultur weiterentwickeln.

Trotz dieses hehren Zieles und trotz vieler Jahre erfolgreicher Arbeit hatte der Werkbund Zeit seines Bestehens nicht nur Freunde. Vor allem das Handwerk sah in ihm eine Bedrohung. Die Werkbündler lösten mit ihren Forderungen vor allem nach modernen, funktionalen Formen heftige Diskussionen aus, die sie auch intern weiterführten, so dass sie nie eine wirklich geschlossene Position vertraten. Der Werkbund verstand sich ohnehin mehr als Plattform für die unterschiedlichen Positionen im Produktdesign. Die daraus resultierende mangelnde Einheit war wohl einer der Gründe, warum es dem Werkbund trotz großer Bemühungen nicht wirklich gelang auch auf politischer Ebene dauerhafte Bedeutung zu gewinnen. Zwar hatte der Vorstand immer den Kontakt zu den verantwortlichen Regierungsstellen gepflegt, doch verlor der Bund in den Zwanziger Jahren immer mehr an Einfluss, vor allem auch weil die innere Struktur des Vereins zu unmodern und unflexibel war und viele Mitglieder eine Erneuerung forderten. 4 In dieser geschwächten Verfassung präsentierte sich der Werkbund im Jahr 1933 den neuen Machthabern.

Die Wahl Lörchers zum Vorsitzenden des Deutschen Werkbundes im Juni 1933 war eine Konsequenz aus den Verhandlungen, die sein Vorgänger Ernst Jäckh, der erst seit einem halben Jahr den Werkbund geleitet hatte, im April 1933 mit Hitler und Rosenberg geführt hatte: Der Werkbund sollte auch im nationalsozialistischen Staat weiterbestehen, doch sah die sogenannte Werkbundlösung vor, den Deutschen Werkbund in den Kampfbund für deutsche Kultur (KfdK) einzugliedern. Darüber hatte die Mitgliederversammlung im Juni des selben Jahres zu entscheiden. Jäckh und Poelzig hatten bereits im März ihre Ämter zur Verfügung gestellt und so wurde im Juni der alte Vorstand durch die Wahl Lörchers zum neuen kommissarischen Vorsitzenden ersetzt. Dessen Vertreter wurde der Architekt Winfried Wendland, einst Kunstreferent im Rustschen Kulturministerium und erfahren im Ausstellungswesen. 5 Desweiteren wurden Ernst Jäckh, Paul Schmitthenner und Richard Riemerschmid als Beisitzer gewählt. Bei diesen Wahlen gab es lediglich drei Gegenstimmen: die von Wagner, Gropius und Wagenfeld. Damit war der Grundstein gelegt für die ‚Gleichschaltung‘ und im weiteren Verlauf Auflösung des Deutschen Werkbundes.

Noch im selben Jahr, nämlich auf der Jahreshauptversammlung des Deutschen Werkbundes in Würzburg Ende September 1933, wurde eine neue Vereinssatzung verabschiedet, die das ‚Führerprinzip‘ einführte, nationalsozialistische Gesinnung einforderte und die Mitgliedschaft von einem ‚Ariernachweis‘ abhängig machte. 6 Der Ausschluss aller ‚unerwünschten‘, das heißt ’nichtarischen‘ Mitglieder, war bereits im Juni vorbereitet worden, als anhand von angeblich nur zu statistischen Zwecken dienenden Fragebögen die Identität der Mitglieder überprüft worden war. Als ein Jahr später Wendland bekannt gab, dass der Werkbund nun unmittelbares Mitglied der Reichskammer der bildenden Künste (RdbK) sei, 7 wurde die Eigenständigkeit des DWB weiter drastisch eingeschränkt: Die Werkbündler waren nun verpflichtet, in die Reichskulturkammer, die Mutterorganisation der RdbK einzutreten, sofern sie ihren Beruf weiter ausüben wollten. Die RdbK untersagte allerdings Doppelmitgliedschaften, so dass der Werkbund keine eigenen Mitglieder mehr hatte und nunmehr ein Teil der Reichskulturkammer war. Der Name ‚Werkbund‘ hatte immer noch einen Ruf, den auch die neuen Machthaber so schnell nicht aufgeben wollten.

Wenn auch die Bezeichnung ‚Deutscher Werkbund‘ nicht mehr das repräsentierte, was vor 1933 darunter verstanden worden war, so gab es doch programmatische Inhalte, die die nationalsozialistische Führung übernahm. Zwar wurden moderne Entwicklungen – vor allem in der Architektur – abgewürgt oder gar umgekehrt. So bezeichnete der stellvertretende Werkbundführer Wendland die Bauten der Stuttgarter Weißenhofsiedlung – bisher das Renomméprojekt des Werkbundes – sowie jeglichen Modernismus als „fundamentalen Irrtum“, dessen sich die neue Werkbundleitung bewusst sei. 8 Doch hatte sich auch die neue Führung Inhalte auf die Fahnen geschrieben, die altbekannten Werkbundzielen entsprachen. Dazu gehörte unter anderem die Schaffung und Einrichtung von vorbildlichen, das heißt hyginischen Arbeits- und Erholungsstätten in Zusammenarbeit mit dem Amt ‚Schönheit der Arbeit‘, die Förderung der deutschen Wertarbeit im In- und Ausland sowie die Schulung des Handels mit deutscher Werkbundarbeit. 9

Zur Verbreitung des Werkbundgedankens – gediegene Arbeit, gute Werkstoffe und sinnvolle Formgebung 10 – hatte der Deutsche WerkbundDeutsche Werkbund seit seiner Gründung im Jahre 1907 immer wieder Ausstellungen veranstaltet. Höhepunkte waren hier sicherlich die Kölner Werkbundausstellung 1914, die wegen des Kriegsausbruchs vorzeitig beendet werden musste und so nie ihre volle Wirkung entfalten konnte sowie die Siedlungsausstellung Stuttgart Weißenhof 1927, die mit Zentralheizung, Bad und WC in jeder Wohnung Maßstäbe setzte für die Mindestausstattung von Wohnungen.

Wenn auch diese beiden Ausstellungen mit diversen Problemen verbunden waren – in Köln wurde beispielsweise ein „erschreckender Mangel an Kühnheit“ und die „schier amtlichen Langeweile, die durch diese ephemeren Schöpfungen wie ein verhaltenes Gähnen geht, als hätte sich eine Versammlung seniler Akademiker diese Sommerachitektur mühsam abgerungen“ bemängelt, in Stuttgart wurden zwar überzeugende Lösungen für modernes Wohnen gefunden, doch waren die Wohnungen für die Zielgruppe zu teuer – so lösten sie dennoch Entwicklungen und Diskussionen aus, die den Fortschritt im Bauwesen immer wieder beschleunigten. Wenn auch dem Werkbund durch diese Ausstellungen kein finanzieller Erfolg beschieden war, so waren sie dennoch ein wichtiger Schritt hin zur Realisierung des Werkbundgedankens.

Aus ähnlichen Gründen war wohl auch die neue, nationalsozialistisch orientierte Werkbundführung sehr an der Durchführung von Ausstellungen interessiert. Der erste Werkbundvorsitzende Carl Christoph Lörcher war sozusagen traditionell und von Amts wegen auf der Suche nach einer geeigneten Ausstellungsmöglichkeit, zumal eine bereits aufgegeben geglaubte Ausstellungsidee wieder neue Aktualität gewonnen hatte: ‚Das Ausstellungsprojekt die Neue Zeit‘.

Dieses Projekt war bereits 1925 geboren und auf der Werkbund-Jahresversammlung in Bremen 1926 zum ersten Mal durch Richard Riemerschmid öffentlich vorgestellt worden. Damals hatten die Werkbündler beschlossen, im Jahre 1929 in Berlin eine ‚Internationale Werkbund-Ausstellung – Die Neue Zeit‘ zu veranstalten. 11 Anlass waren die durch den Ersten Weltkrieg ausgelösten allumfassenden gesellschaftlichen Veränderungen – vom späteren Werkbundvorsitzenden Ernst Jäckh hoffnungsfroh ‚Weltenwende‘ genannt. Man glaubte – und Jäckh stand da sicherlich nicht allein – am Beginn eines neuen, friedlicheren Zeitalters angekommen zu sein. Die Erfahrung der kollektiv erlebten Katastrophe sollte zu einer neuen Solidarität unter den Völkern, zu einem ‚Völkerbund‘ führen. Das Maschinenzeitalter, dass die Vernichtungsmaschinerie des Krieges heraufbeschworen hatte, werde nun zwangsläufig ersetzt durch ein ‚Menschenzeitalter‘ und durch eine internationale, ja interkontinentale Solidarität gegen den Krieg. Die neue Technik sollte nicht mehr dazu dienen, zu zerstören, sondern stattdessen im Bewusstsein gegenseitiger Abhängigkeit und Aufeinanderangewiesenseins das Zusammenwachsen der Völker fördern. „Fernsprechen und Fernhören, Fernsehen und Fernphotographieren“ führten dazu, dass „Übermittlungen, die früher Monate und Wochen, dann Tage und Stunden benötigten, nur Sekunden brauchten … Die fünf Kontinente der fünf Erdteile schmelzen zu einem zusammenhängenden Kontinent … zusammen.“ 12 Dieses Zusammenwachsen der Völker bezeichnete Jäckh mit den Worten des Philosophen Max Scheler als ‚Ausgleich‘. „Der Ausgleich ist unentrinnbares Schicksal einer Menschheit, die in dem Weltkrieg ihr erstes wirkliches Gesamterlebnis hatte: hier erst beginnt die eine gemeinsame Geschichte der sogenannten Menschheit“ 13

Die angestrebte Ausstellung ‚ Die Neue Zeit‘ sollte diese neue Wirklichkeit in all ihren Wirkungen erfassen, die „universale und säkulare, profunde und grandiose Bedeutung einer solchen Weltenwende und Lebenseinheit möglichst umfassend bewußt machen.“ 14 Ernst Jäckh beschrieb die Bedeutung der ‚Neuen Zeit‘ folgendermaßen:

„Die Größenordnung, in der jener tiefgreifende Wandel der Dinge und des Menschen liegt, an dessen Beginn wir stehen, dürfte nicht leicht überschätzt werden. Unvergleichlich mit allen Einschnitten, die der Historiker im Lebenszeitraum der Geschichte der sogenannten europäischen ‚Neuzeit‘ zieht, scheint er mir an Tiefe und Allseitigkeit sogar noch jenen Geisteswandel zu übertreffen, der vom sogenannten europäischen Mittelalter zur Neuzeit führt; und wir müssen uns schon bis zur Entstehung des Christentums und zum Emporkommen der germanisch-romanischen Völkerwelt zurückwenden, um ein annäherndes Gleichnis für die Tiefe der Wandlung zu haben. Es ist nicht nur eine Wandlung der Dinge, Umstände der Institutionen, der Grundbegriffe und -formen der Künste und fast aller Wissenschaften – es ist eine Wandlung des Menschen selbst, der Artung seines inneren Aufbaues selbst aus Leib, Seele, Geist; und es ist nicht nur eine Wandlung seines tatsächlichen Seins, sondern auch eine Wandlung seiner Richtmaße…“ 15

Die Ausstellung die ‚ Neue Zeit‘ sollte nun „der kühne Versuch sein, dem Kommenden seinen Weg zu weisen.“ 16 Kühn deshalb, weil der Umfang gewaltig und die Verbindung mit den eigentlichen Aufgaben des Deutschen Werkbundes organisatorisch aufwendig war. Eine Ausstellung dieses Ausmaßes hatte es bisher nicht gegeben und somit waren schon die eingeplanten drei Jahre Vorbereitungszeit wenig realistisch, zumal die Planungen für die Ausstellung zu diesem Zeitpunkt noch in den Kinderschuhen steckten. Die Inhalte und Ziele waren nur vage umschrieben und konkrete Vorstellungen, wie die Ideen umzusetzen seien, gab es kaum. Verhandlungen mit der Wirtschaft und der Reichsregierung ergaben, dass es trotz der allgemeinen Ausstellungsmüdigkeit eine große Zustimmung zu dem Werkbundprojekt gab, aber der anvisierte Ausstellungsort nicht zur Verfügung stand. Berlin hatte für 1930 bereits eine große Bauausstellung geplant und verfügte daher auch für das Jahr 1929 über keine weiteren Kapazitäten. Im weiteren Verlauf der Verhandlungen bewarben sich sieben deutsche Städte um die Austragung der Ausstellung, außer Köln und Düsseldorf gehörte auch Frankfurt am Main dazu. Der Zuschlag fiel nach eingehender Prüfung auf Köln und seinen Oberbürgermeister Konrad Adenauer, wobei die umliegenden Städte in die Ausstellung einbezogen werden sollten. Auf der Mannheimer Tagung 1927 wurde alsdann folgende Resolution beschlossen:

‚1. Der Deutsche Werkbund nimmt Kenntnis von den Ausstellungsplänen Berlins und des Vereins Bauausstellungen 1930 und ist bereit, sie durch Mitarbeit zu fördern.

2. Die Werkbund-Ausstellung ‚Die Neue Zeit‘ wird für das Jahr der 25jährigen Tätigkeit des Werkbundes 1932 festgesetzt.

3. Diese Ausstellung soll am Rhein, im westlichen Kraftzentrum Deutschlands, stattfinden; Mittelpunkt ist Köln.

4. Eine innerliche und organisatorische Verbindung mit der Frankfurter Goethe-Ausstellung des gleichen Jahres ist anzustreben.

5. Ferner soll versucht werden, auch etwa im gleichen Jahr stattfindende Ausstellungen in anderen rheinischen Städten in diesen Plan einzubeziehen.

6. Der Deutsche Werkbund spricht der Reichsregierung seinen Dank für die erneute Anerkennung seines Ausstellungsgedankens aus und erwartet von ihr weitere Förderung bei der Durchführung.‘ 17

Die Verlegung des Ausstellungsortes nach Westdeutschland begründete Jäckh mit der Möglichkeit, durch die Einbeziehung weiterer Ausstellungen in einen Gesamtorganisationsrahmen die Attraktivität für potentielle Aussteller zu erhöhen. 18

Ernst Jäckh wurde beauftragt, die Verhandlungen weiterzuführen. 19 Ein Jahr später, auf der Münchner Werkbundtagung, konnte er über günstig verlaufene Gespräche mit Vertretern der Reichsregierung, der Preußischen Staatsregierung und den vereinigten Reichsverbänden von Industrie, Handel und Handwerk berichten. Im Einvernehmen mit allen beteiligten Organisationen wurde Jäckh zum Generalkommissar der Internationalen Ausstellung ‚Die Neue Zeit‘ 1932 in Köln und im Rheinland ernannt.

1929 stellte er das aus sieben Punkten bestehende Programm der ‚ Neuen Zeit‘ in dern Zeitschrift ‚Die Form‘ vor. Das Gesamtkonzept der Ausstellung sollte durch einen geschlossenen Kreis verdeutlicht werden:

A261 Der Aufbau der Ausstellung Die Neue Zeit in einer Grafik nach Ernst Jäckh 1929 Q Felix Schwarz:Frank Gloor 46
A261 Der Aufbau der Ausstellung Die Neue Zeit in einer Grafik nach Ernst Jäckh 1929 Q Felix Schwarz:Frank Gloor 46

Jäckhs Konzept macht deutlich, welch umfangreiches Unternehmen die Ausstellung werden sollte. Offensichtlich war Jäckh sich der Schwierigkeiten bewusst, die bei der Lösung dieser Aufgabe auf den Werkbund zukommen würden. Die ausstellerische Vermittlung der oben genannten, teilweise sehr abstrakten Themen bedeutete eine besondere Herausforderung, der man sich in diesem Ausmaß bisher nicht gestellt hatte. Erste Erfahrungen waren im Düsseldorfer Museum für Wirtschaft und Technik, auf der Düsseldorfer Gesolei sowie auf der kulturhistorischen Abteilung der Kölner Ausstellung PRESSA gesammelt, wo „teilweise sogar mit großem Erfolg vermeintlich Unausstellbares“ veranschaulicht worden war. 20

Man einigte sich mit der Stadt Köln darauf, nur die Hallen der PRESSA zu nutzen, also keine weiteren Ausstellungsgebäude zu errichten. Die daraus folgende Beschränkung der Gesamtausstellungsfläche auf 26.000 qm sah der Werkbund als eine Chance zur Qualitätssicherung: Qualität statt Quantität.

Gebaut werden sollte aber trotzdem, allerdings weniger für die Unterbringung von Ausstellungsgütern, als vielmehr zur Verdeutlichung des neuen Zeitgeistes, da „Bauwerke die Gesinnung einer Zeit offenbaren und dokumentieren“. 21 Folgende Bauten waren geplant:

– einige als Dauerbauten angelegte Wohnsiedlungen zur Behebung der Wohnungsnot. Die Siedlungen sollten vor allem im Osten und Norden Kölns entstehen. Die besten Architekten verschiedener Staaten sollten dazu eingeladen werden, wobei ein deutscher Generalarchitekt über die Brauchbarkeit der Gebäude für das rheinische Klima wachen sollte.

– städtische Großbauten, wie eine Zentralmarkthalle, ein Schlacht- und Viehhof, Schulen und Kliniken, die allesamt von deutschen Architekten geplant werden sollten.

– der Bau einer neuen Universität, einer ‚cité universitaire‘, durch den Kölner Stadtbaudirektor Abel mit einer 600 m langen Studentenstraße, die das neue Gelände mit den Kliniken des Universitätskrankenhauses der Lindenburg verbinden sollte.

– eine180.000 qm große Festwiese mit Volkspark jenseits des am Ausstellungsgelände gelegenen Bahndamms. 22

Diese Bauten sollten Teil eines ganzheitlichen Systems, eines neuzeitlichen Gesamtwerks sein: Alle technischen und gesellschaftlichen Errungenschaften, alle neuen Erkenntnisse aus Wirtschaft und Industrie, aus Kunst und Wissenschaft sollten nicht einfach gezeigt, sondern angewandt und in das Gesamtwerk der Ausstellung integriert werden.

Die Idee der Ausstellung war somit bereits weit gereift als immer wieder kritische Stimmen laut wurden. Das ‚Jäckhsche Programm‘ sei zu umfangreich. Viele Werkbündler fürchteten, die Aufgabe würde zu gewaltig werden. Zudem hatten die letzten Jahre gezeigt, dass die Hoffnung auf ein neues, besseres Zeitalter einer realistischen Betrachtung nicht standhalten konnte. Die Werkbündler waren sich weniger denn je einig über die Durchführung eines solch gigantischen Projektes. So mancher Werkbündler machte sich Sorgen, ob die bisherigen Ausgaben für die Vorbereitung der Ausstellung nicht schon eine zu große Belastung für den Verein gewesen waren. Jäckh konnte dieser Befürchtung entgegnen, dass der Werkbund bisher nur finanzielle Vorteile hatte, da die gesamten Kosten von der Stadt Köln, der Reichsregierung, des Reichsverbandes der deutschen Industrie und vier nicht genannten Werkbundindustriellen übernommen worden waren. 23 Als dann aber die wirtschaftliche Situation dem Vorhaben wiederum den Garaus zu machen drohte, verschob man die Ausstellung erneut. ‚Die Form‘ berichtete im Januar 1933, dass zwar alle beteiligten Stellen an der Ausstellung festhalten wollten, die endgültige Festlegung des Durchführungsjahres aber erst im Laufe des Jahres 1933 geschehen solle. 24   [→ weiter]


929. S. Kapitel 4.3.1.1 und 9.4.3 2. Das Preisgericht wurde vervollständigt durch Gauleiter Florian, Landeshauptmann Haake, Obergruppenführer Schepmann, den stellv. Reichsjugendführer Lauterbach sowie den Düsseldorfer Oberbürgermeister Wagenführ. Weitere Mitglieder der Fachjury waren Professor Eugen Hönig (Präsident RKdBK und einer der schärfsten Gegenspieler Lörchers), Prof. Veil, Architekt, Dipl. Ing. Albert Speer, der Architekt Prof. Jos. Tiedemann, der Düsseldorfer Stadtrat Meyer sowie der Architekt Karl Kiefer. Wettbewerbsprogramm Schlageterforum 1934, in NL Ebel 123 3. Paragraph 2 der Vereinssatzung des Deutschen Werkbundes
4. Vgl. Brief an den Vorstand des Werkbundes 1932, Bundesarchiv R32/384 Blatt 59-72
5. Teut 1967:71
6. Die neue Satzung des Deutschen Werkbundes, in: Die Form, 1933:316
7. Weißler 1990:22
8. Wendland 1934:98
9. Weißler 1990:22f
10. Weißler 1990, S.12, die Worte von Paul Renner, er fasste den Werkbundgedanken in einem Brief an die Vorstandsmitglieder des DWBII im Mai 1932 zusammen; BA R 32/384
11. Jäckh 1929:402
12. Jäckh 1929:407
13. Max Scheler, zit. in Jäckh 1929:408
14. Jäckh 1929:409
15. Max Scheler, zit. in Jäckh 1929:408f
16. Riezler 1932:75
17. Zit. in Schwarz/Gloor 1969:35
18. Weißler 1990:13
19. Jäckh 1929:402
20. Jäckh 1929:412
21. Jäckh 1929:405
22. Jäckh 1929:405f
23. Bundesarchiv Koblenz R32/384:42
24. Mitteilungen des DWB, in: Die Form 1.1933:31
43. Stenographische Verhandlungsberichte der Stadtverordnetenversammlung zu Düsseldorf vom 24.7.1912
44. Stenographische Verhandlungsberichte der Stadtverordnetenversammlung zu Düsseldorf vom 24.7.1912
45. Denkschrift, [vermtl. von Museumsdirektor Koetschau] vom 2.7.1924 in StAD iii 910, vgl. auch DLZ Nr. 19 vom 15.5.1937 und DT vom Nr. 138 22.5.1937
46. DT von Nr. 138 vom 22.5.1937
47. Zur Kritik der Bauten vgl. Busch 1993:81f
48. Architekturführer Düsseldorf 1977:74
49. Huneke 1928:103
50. Neusen [1979]:51

1410 Seit 23.2.2016 1 heute