1852: Die Provinzial-Gewerbe-Ausstellung

Die deutsche Wirtschaft befand sich Mitte des letzten Jahrhunderts in einer Phase des Aufschwungs, der durch die Umbrüche in den Jahren 1848/49 ausgelöst worden war. So war auch die westdeutsche Industrie beflügelt und zuversichtlich, zukünftig eine stärkere Position auf dem nationalen und internationalen Markt erobern zu können. Eine Präsentation ihrer Waren auf der ersten Weltausstellung 1851 in London hatte allerdings keinen befriedigenden Erfolg beschert. Trotz der regen Teilnahme von 192 Firmen war die gestiegene Bedeutung deutscher Erzeugnisse nicht in ausreichendem Maße zur Geltung gekommen, da, wie die Düsseldorfer Presse kommentierte, „ungünstige Umstände den verdienten und erwarteten Erfolg, wenn auch nicht gänzlich entzogen, so doch zu schmälern vermochten“ 1 . Wie in anderen Städten auch, so z.B. in Breslau und Chemnitz, versuchte man die, wie man meinte, ungerechtfertigterweise mangelhafte Aufmerksamkeit durch heimische Ausstellungen zu kompensieren. Zu diesem Zweck veranstaltete man nach nur dreimonatiger Vorbereitungszeit vom 15. Juli bis 1. Oktober 1852 in Düsseldorf die „ Provinzial-Gewerbe-Ausstellung für Rheinland und Westphalen“. Mit dieser wiederum sehr erfolgreichen Schau konnte Düsseldorf sich endgültig als die wichtigste Ausstellungsstadt für das Ruhrgebiet durchsetzen. Als Ausstellungsgebäude dienten die 24 Säle des vom Provinziallandtag zur Verfügung gestellten neuen Ständehauses am Burgplatz, das nach langer, durch die Revolution unterbrochener Bauzeit erst ein Jahr zuvor fertiggestellt worden war, außerdem der nördliche Schlossflügel als einziger noch vorhandener Teil des alten Kurfürstenschlosses, sowie das angrenzende, von der Regierung nicht mehr benutzte Münzgebäude 2 Die Stadt stellte einen finanziellen Zuschuss in Aussicht und die Schifffahrtsgesellschaften in Düsseldorf, Köln (!) und auf der Mosel transportierten Ausstellungsgüter kostenlos. Trotz einiger Unwilliger, die aus Angst vor Industriespionage ihre Beteiligung ablehnten, war der Ansturm der Aussteller so groß, dass die Stadt binnen 15 Tagen den Raum zwischen den beiden Ausstellungsgebäuden mit einer Glasdecke zu einer dreischiffigen Halle ausbaute – eine bescheidene Erinnerung an Paxtons Kristallpalast auf der Londoner Weltausstellung vom Vorjahr – die von den Besuchern allgemein bewundert wurde und für die damaligen Verhältnisse eine konstruktiv und technisch außergewöhnliche Leistung darstellte. 3

A001 Das Ausstellungsgebäude 1852 Q Engst 1949.23
A01 Das Ausstellungsgebäude 1852 Q Engst 1949.23

Zum Auftakt gab es eine feierliche Eröffnung mit Geläut von Stahlglocken aus der Bochumer Gussstahlfabrik, rauschenden Orgelklängen und einem Springbrunnen, der seinen Wasserstrahl bis zum Glasdach spie. Der Initiator der Ausstellung, Regierungsrat Dr. Ehrenreich von Mülmann führte nach seiner Rede die Ehrengäste durch die Räume, die in den ersten Ausstellungswochen allerdings noch nicht vollständig bestückt waren. Erst als nach vier Wochen auch die letzten Exponate angekommen waren, stiegen die Besucherzahlen an. 4 Auf 2.700 qm zeigten 756 Firmen Ausstellungsgüter aller Art, von Metallwaren, Möbeln, Kleidungsgegenständen über Holz, Steine, Maschinen und Papier bis hin zu Nahrungsmitteln, Schmuckwaren und pharmazeutischen Produkten. Auch wurden lehrreiche Schautafeln gezeigt, etwa über denWerdegang der Flachspflanze zur fertigen Leinwand oder über die Gewinnung von Baumwollgarn. Besonderes Interesse riefen ein „Telegraphenapparat“ und die Vorführung der Daguerreotypie hervor, kurios war ein Springbrunnen mit Kölnisch Wasser. 5

A02 Glasdach der Ausstellung 1852 Q Engst 1949.23
A02 Glasdach der Ausstellung 1852 Q Engst 1949.23

Mehr als 60.000 Besucher, davon 33.000 (!) allein am letzten Ausstellungssonntag 6 machten die Ausstellung auch finanziell zu einem Erfolg. Der Reingewinn betrug etwa 5.000 Taler, der als Grundstock für zukünftige Ausstellungen dienen sollte. Der Erfolg dieser Ausstellung lag allerdings weniger im Finanziellen. Zum ersten Mal hatte Düsseldorf es geschafft, auch Aussteller von außerhalb des nahen Bergischen Landes anzuziehen. In einer gemeinsame Ausstellung von Westfalen und Rheinland, zweier Regionen mit großen wirtschaftlichen Kapazitäten, die gemeinsam die westdeutsche Industrieentwicklung maßgeblich bestimmen sollten, wurden bedeutende Impulse gesetzt. Die Düsseldorfer Ausstellung 1852 zeigte eindrucksvoll die gewaltigen Schritte, mit denen die deutsche Industrie in ein neues Zeitalter marschierte und machte die aufblühende rheinisch-westfälische Industrie zu einem Begriff. 7 Parallel zur Gewerbeausstellung veranstaltete der Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen eine Ausstellung, die zwar in anderen Räumen stattfand, aber die 1837 begründete Tradition, in Düsseldorf Gewerbeausstellungen mit Kunstausstellungen zu verbinden, fortsetzte.

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Eindrücke-der-Ausstellung-1852-Q-ULB
Eindrücke der Ausstellung 1852 Q: ULB


1. Teich-Balgheim 1937:106
2. Teich-Balgheim 1937:107
3. Weidenhaupt 1989, Bd. 2:445
4. Teich-Balgheim 1937:108
5. Engst 1949:25
6. Teich-Balgheim 1937:110
7. Engst 1949:27

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