Die NS-Siedlungspolitik

Die beiden Mustersiedlungen auf der Ausstellung ‚Schaffendes Volk‘ waren Teil des propagandistischen Feldzuges gegen die moderne Architektur, der den „architektonischen Wildwuchs“ den Todesstoß versetzten sollte. 1

Die Nationalsozialisten waren bestrebt, sich vom ‚Liberalismus‘ der Weimarer Republik abzugrenzen, von einer Zeit, die nach ihrer Meinung die Wohnung zu einer Unterkunft herabgewürdigt hatte 2 und in der „völkische, bodenständige Eigenarten“ verschwunden waren. 3 Ebenso widersetzte man sich dem wilhelminischen „schematischen Städtebau“ 4 , der Mietskasernenviertel hatte entstehen lassen. Man war daher bemüht, die Wohnverhältnisse der Stadtbevölkerung zu verbessern, indem man ihr die Auffassung einer nationalsozialistischen Architektur entgegensetzte. Einen „sicheren Formwillen“ 5 gab es dabei allerdings genauso wenig wie eine einheitliche nationalsozialistische Ideologie. Vielmehr standen sich die völlig entgegengesetzten Ansichten der Chefideologen wie Feder, Schirach, Ley oder Göring gegenseitig im Weg; auf einen einheitlichen Stil konnte man sich nicht einigen: Von traditionell bis modern waren alle architektonischen Auffassungen zu finden: Hitler, der für repräsentative Parteibauten auf den Neoklassizismus setzte, 6 konnte sich nach Angaben Albert Speers auch für Industriebauten in Glas und Stahl begeistern. 7 Schirach, forderte das Recht seiner Jugend auf einen jugendlichen Stil ein 8 und wies wiederholt darauf hin, dass Bauten aus Glas und Stahl dem Geist der Hitlerjugend nicht widersprächen (trotzdem nahm keiner seiner Architekten das Angebot an). 9 Ley und Schulte-Frohlinde suchten dagegen mit ihren traditionellen Bauformen einen Bezug zum Mittelalter. 10 Selbst bei der vermeintlich allen gemeinsamen Ablehnung des Neuen Bauens gab es Ausnahmen, wenn z.B. Göring, der einen progressiven Stil verfolgte, Bauten errichten ließ, die mit ihren glatten Oberflächen, Glas und sichtbarem Tragwerk im Vergleich zu den radikalsten Industrieanlagen der 20er Jahre sogar noch eine Steigerung bedeuteten. 11 Hitler erklärte die Divergenz im Formwillen durch „Zweckmäßigkeit und Sachlichkeit als Quellen architektonischer Schönheit“. Er bezeichnete die Architektur, das „Wort aus Stein“, als eine Kraft, die nicht nur „Einheit und Stärke einer Nation verkörpert, sondern zur Schaffung derselben“ beitrage, 12 Argumente, wie sie auch beim Neuen Bauen zu finden waren. Der so entstandene personengebundene Eklektizismus war typisch für die Nationalsozialisten.

Auch beim Wohnungsbau konnte man sich trotz der Wichtigkeit dieses Bereiches auf keinen einheitlichen nationalsozialistischen Stil einigen. Bei 1,8 Mio. fehlenden Wohnungen 13 stellte das Wohnungsbauprogramm immerhin eines der wichtigsten Mittel zur Sympathiegewinnung dar. Hitler machte die Bedeutung des Siedlungsbaus in einer Rede deutlich:

„Ich habe den Ehrgeiz, mir einmal im deutschen Volk ein Denkmal zu setzen. Aber ich weiß auch, daß dieses Denkmal besser im Frieden aufzustellen ist als in einem Krieg. Wenn wir heute in einen Krieg gestoßen würden, dann kostet jede 30=cm=Granate gleich 3000 RM., und wenn ich noch anderthalb Tausend Mark dazulege, dann habe ich ein Arbeiterwohnhaus, und wenn ich eine Million solcher Granaten auf einen Haufen lege, dann ist dies noch lange kein Monument.
Wenn ich aber eine Million solcher Häuser habe, in denen so viele deutsche Arbeiter wohnen können, dann setze ich mir damit ein Denkmal.“ 14

Hier wird deutlich, welch wichtige Rolle der Wohnungsbau in der Politik der NSDAP einnahm – zumindest auf programmatischer Ebene. Die Beseitigung des Wohnraumproblems sollte aber nicht nur zur Befriedigung Hitlerscher Eitelkeiten dienen. Der Wohnungsmangel störte den sozialen Frieden und verstärkte revolutionäre Kräfte, was zumindest in den ersten Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft die Gefahr eines Machtverlustes steigerte.

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1. Flemmig (a) 1937:187
2. Walther 1939:72
3. Riemann 1937:76
4. Flemmig (a) 1937:187
5. Troost 1942:7
6. Miller-Lane 1986, S. 183
7. Albert Speer zit in Durth/Nerdinger 1994:25
8. Miller-Lane 1986, S. 182
9. Vgl. Teut 1967:214
10. Vgl. Durth 1992
11. Miller-Lane 1986, S. 193
12. Miller-Lane 1986, S. 179
13. Vgl. Behnken 1980, S.1368
14. Rede in Karlsruhe am 12.3.1936, zit. in einem Brief von Schmalhorst an Florian vom 26.6.1937, StAD NL Ebel 51

 

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