Entfernung der Skulpturen

Aufgrund des Skandals um die Rossehalter flammte die Diskussion um die Qualität der verschiedenen Skulpturen auf dem Ausstellungsgelände erneut auf. Am 7. August schrieb das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda zudem an den kommissarischen Oberbürgermeister Liederley, dass der vor dem Golzheimer Krug aufgestellte „rachitische Knabe“ sowie fünf oder sechs der zwölf an der Wasserachse stehenden Freiplastiken vom Gelände „verschwinden“ müssten, da sie „nach den vom Führer gegebenen Richtlinien untragbar“ seien. 1 Dabei sollte es sich um jene Figuren handeln, die auch bei früheren Besichtigungen immer wieder Anlass zur Klage gegeben hatten. Wenige Tage später, am 16. August, gab Liederley bekannt, dass die Figuren auf der Ausstellung einer erneuten gründlichen Besichtigung unterzogen werden müssten, um festzustellen, ob ihr weiterer Verbleib „nach den richtungsweisenden Ausführungen“ Hitlers über die deutsche Kunst verantwortet werden könne oder nicht. 2 Gemeint waren folgende Worte, durch die der ‚Völkerarchitekt‘ Hitler nicht nur den Düsseldorfer Verantwortlichen den zu gehenden Weg wies:

„Niemals war die Menschheit im Aussehen und ihrer Empfindung der Antike näher als heute … ein leuchtend schöner Menschentyp wächst heran … Dieser Menschentyp, den wir erst im vergangenen Jahr in den Olympischen Spielen in seiner strahlenden, stolzen, körperlichen Kraft und Gesundheit vor der ganzen Welt in Erscheinung treten sahen, dieser Menschentyp, meine Herren prähistorischer Kunststotterer, ist der Typ der neuen Zeit.“ 3

Dabei ist zu beachten, dass die ‚Ständischen‘ nicht als entartet galten, sondern lediglich die Wende zur klassischen Auffassung, die durch die „nationale Revolution“ ausgelöste „Wiedergeburt des deutschen Volkes“, 4 nicht leisten konnten. Zudem waren sie handwerklich mangelhaft. Auch die Ausstellungsbesucher fanden die ‚Ständischen‘ offensichtlich nicht sehr überzeugend; die Kölnische Zeitung schrieb im Mai, dass die Bildhauer das vorgegebene Thema ‚Schaffende deutsche Menschen‘ unterschiedlich in die Plastiken „gezwungen“ hätten und das Volk „seine Freude“ habe an einigen der Figuren, insbesondere dem Matrosen von Zschokke. 5

Da der Besuch Hitlers noch bevorstand, war eine erneute Begutachtung unumgänglich. Weder die Ausstellungsleitung noch die Stadtverwaltung kannten den genauen Besuchstermin, doch befürchtete man, dass der ‚Führer‘ den Besuch Mussolinis in Essen als Gelegenheit ergreifen könnte, spontan die Ausstellung zu besuchen. 6 Liederley setzte als Begutachtungstermin den 19. August fest, aufgrund der Abwesenheit einiger maßgeblicher Herren musste die Inspektion allerdings auf einen unbekannten Termin verschoben werden. 7

Leider konnten eindeutige Quellen aus dem Jahre 1937, die die Entfernung der Skulpturen noch während der Ausstellung bestätigen könnten, nicht gefunden werden. Es ist dennoch wahrscheinlich, dass es noch vor dem Besuch Hitlers zu ‚Säuberungsmaßnahmen‘ kam. Sicher ist allerdings, dass die Skulpturen nicht wie Maes/Houben behaupten, vor August von dem Gelände entfernt wurden. 8 Auch die Behauptung Busharts, dass die Figuren vor dem Erhalt eines Briefes des Propagandaministeriums vom 3.8.1937 entfernt wurden, 9 ist unrealistisch. 10 Wahrscheinlich ist allerdings der von Bushart beschriebene Sachverhalt, dass die meisten Skulpturen nach einer letzten Inspektion durch Vertreter der Ausstellungsleitung, des Reichspropagandaministeriums und des Stadtrates, den neuen Oberbürgermeister Liederley 11 sowie durch den Architekten Becker, den neuen kommissarischen Leiter der Düsseldorfer Kunstakademie Fahrenkamp und den Bildhauer Hoselmann von dem Gelände entfernt wurden. Lediglich Knubels ‚Sitzende‘ im Rosengarten, die eigentlich nicht zum Ausstellungsprogramm gehört hatte, Ittermanns Akt in der Künstlersiedlung, Goebels ‚Gänsebrunnen‘ in der Wilhelm-Gustloff-Siedlung und Scharffs Rossehalter, also die Skulpturengruppe, die den Skandal ausgelöst hatte, blieben erhalten. Alle anderen Figuren verschwanden wahrscheinlich noch vor Hitlers Besuch aus der Ausstellung. Das gleiche gilt wohl auch für Székessys ‚Sitzenden Knaben‘, der noch 1937 abgebaut wurde. Auch Schwipperts ‚Winzerin‘ wurde angeblich als entartete Kunst eingestuft und verschwand vor dem 2.10.1937 aus dem Innenhof der Kunstausstellung. 12

Die negative Beurteilung einiger Skulpturen ist aus heutiger Sicht vielleicht nicht ganz überzeugend. Schließlich entsprachen die Figuren thematisch weitestgehend den Idealen eines völkisch-nationalsozialistischen Selbstverständnisses: Einfache Menschen, die sich ihrem Handwerk widmen, eine kraftvolle Mutter mit Kind, wie geschaffen für das Gebären einer großen führertreuen Kinderschar, kräftige, ja soldatische Männer, die ihrer Arbeit nachgehen. Aber die geäußerte Kritik hatte weniger mit der nationalsozialistischen Ideologie zu tun als mit ihrer teilweise mangelhaften künstlerischer Qualität. Dabei fiel die Kritik noch recht zaghaft aus. Wenn man die Formgebung einiger der Skulpturen betrachtet, wundert man sich, dass sie zunächst überhaupt zugelassen wurden. Die Bäuerin wirkt blutarm, fast schlafwandlerisch und kaum in der Lage, hart zu arbeiten; das Kind der Ährenlesergruppe wird von seiner Mutter ignoriert; die Musikantinnen verbreiten mit ihren Mienen wenig Freude über die neue Zeit im neuen Reich, ihre offenen Münder scheinen mehr zu seufzen als zu singen; der Spatenmann steht etwas neckisch, den Spaten lediglich an der rechten Hand angelehnt, passiv vor dem Betrachter; der Matrose mit seinen breiten Schultern und den kräftigen Gliedmaßen hat leicht asiatische Gesichtszüge und versprüht den äußerst weiblichen Charme eines klischeehaft-homosexuellen Seemannes auf Landgang; der Fischer hat an seinen sehr dünnen Armen riesige Pranken, die lediglich mit den Proportionen seines übergroßen Kopfes korrespondieren. Allen gemein ist die starre Haltung. Keine der Figuren scheint eine Tätigkeit auszuüben; es wirkt vielmehr so, als schauten sie von ihrer Arbeit auf um einige Minuten in Tagträumen zu verharren. Überzeugend wirkt diese Situation allerdings nur bei der ‚Schäferin‘, die durch den Blickkontakt eine innige Beziehung zu dem Lamm in ihren Armen aufbaut und so den Eindruck von Ruhe vermittelt, sowie bei dem Falkner, der auf den rechten Jagdmoment zu warten scheint. Alle anderen Figuren wirken in ihrer Körperhaltung wenig authentisch. Die Gestaltung der Figuren könnte fast als eine bewusste Kritik am Nationalsozialismus gedeutet werden, doch verbieten die Biografien der ausgewählten Künstler diese Auslegung; schließlich galten sie alle als parteitreu.

Die abgebauten Plastiken wurden 1937 oder 1938 zunächst im Ehrenhof hinter dem Kunstpalast gelagert. Vier der zwölf Figuren – Zimmermanns ‚Bauer‘ und ‚Bäuerin‘, Hoselmanns ‚Falkner‘ und die ‚Winzerin‘ von Zschorsch – stellte man 1941 wieder an den Ecken des Wasserbeckens im Nordpark auf, wo sie sich heute noch befinden. Auf die acht verbliebenen Sockel setzte man Blumenschalen. Die restlichen Figuren wurden nach dem Krieg auf Antrag der Düsseldorfer Messeleitung NOWEA, die den Ehrenhof für die ersten Nachkriegsausstellungen nutzen wollte, auf den städtischen Bauhof an der Heerstraße verfrachtet. Von hier aus gelangte Ittermanns ‚Schäferin‘ nach Benrath, wo sie am 8. Mai 1962, also auf den Tag genau 25 Jahre nach der Ausstellungseröffnung, vor dem Neubau einer Kindertagesstätte am Schwarzen Weg einen neuen Standplatz erhielt. Zschokkes ‚Fischer‘ gelangte in den Garten eines Steinmetzen 13 und die restlichen Figuren gingen verloren, als 1965 der Bauhof verlagert wurde: Die Skulpturen hatten im Laufe der Jahre so sehr gelitten, dass nach damaligen Maßstäben eine Restaurierung nicht mehr sinnvoll war. 14

Anscheinend war die mangelhafte Qualität der ausgestellten Skulpturen, sowohl der Rossehalter als auch der zwölf Ständischen, der Stolperstein, der Peter Grund sein Amt kostete. Sein Rückhalt in Düsseldorf war offenbar seit längerem nicht mehr sehr groß gewesen. Bereits bei dem Wettbewerb um das Schlageterforum hatte Grund seine Kollegen gegen sich aufgebracht. Aus ungeklärten Gründen hatten verschiedene Architekten, unter ihnen Julius Stobbe, dem Akademiedirektor vorgeworfen, gegen die Standesehre verstoßen zu haben und es wurde angeblich ein Verfahren gegen ihn eingeleitet. 15 Auch der Oberbürgermeister war offensichtlich von Grund nicht sonderlich überzeugt, auch wenn er ihm die Position als Ratsherr beließ. Als Fahrenkamp die Nachfolge Grunds antrat, schrieb Liederley ihm die folgenden Worte, die die Hoffnung des Oberbürgermeister auf eine Verbesserung der Verhältnisse beschreiben:

„Besonders dankbar würde ich es begrüßen, wenn sich zwischen der Akademie und der Stadt Düsseldorf recht bald die alten freundschaftlichen Beziehungen entwickeln möchten, die früher so viel Gutes für das künstlerische Leben unserer Stadt bedeutet haben.“ 16

Daraus wird deutlich, dass Grund in Düsseldorf gegen verschiedene Fronten kämpfte, die ihm die Arbeit nicht erleichterten. So hatte es wohl von keiner Seite großen Widerstand gegeben, als Ende Juli Fahrenkamp zum kommissarischen Leiter der Akademie ernannt und Grund bald darauf entlassen worden war. Er musste sowohl seinen Stuhl in der Kunstakademie räumen als auch die künstlerische Oberleitung der Ausstellung an den Architekten Emil Fahrenkamp abgeben. 17 In Düsseldorf behielt er lediglich den Posten als Ratsherr. Die Leitung des Siedlungsbaus in der Schlageterstadt wurde seinem ehemaligen Assistenten Arnold Emundts übertragen. 18

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1. StAD NL Ebel 124, Brief vom 7.8.1937
2. StAD NL Ebel 124, Brief vom OB vom 16.8.1937.
3. Hitler in seiner Rede zur Eröffnung des Hauses der Deutschen Kunst in München am 18.7.1937
4. Huffschmidt 1937 (c) 9.5.1937 DN
5. Witthaus 1937, Kölnische Ztg. vom 8.5.1937
6. StAD iv 1903, Brief des SS-Obersturmführers vom 24.9.1937
7. NL Ebel 124
8. Vgl. Houben, Maes 1984:104ff
9. Bushart 1984:170
10. Ein Brief des Garten- und Friedhofsamtes vom 17.5.1938, in dem Tapp, dem seit November 1937 im Amte weilenden Nachfolger Liederleys, Oberbürgermeister Dr. Helmut Otto, mitteilte, dass sämtliche Figuren aus der Gartenschau entfernt worden seien, gibt auch keine schlüssige Antwort auf die Frage, zu welchem Zeitpunkt die Entfernung stattfand; StAD xviii 1765, Brief vom 17.5.1938
11. Liederley war zu diesem Zeitpunkt lediglich kommissarisch im Amt. Er gehörte zu einem Kreis Düsseldorfer Politiker und Industrieller (u.a. Gauleiter Florian, Architekt Schmalhorst, Ernst Poensgen), der der Idee des Ständestaates auf berufsständischer Grundlage nahe stand, wie er von Othmar Spann, einem Professor für politische Ökonomie und Gesellschaftslehre, propagiert wurde und dazu sogar das „Institut für Ständewesen“ ins Leben gerufen hatten, Görgen 1968:70; Hüttenberger 1989:489 f
12. Heyen 1983:169
13. Bushart 1984:170
14. Maes (b), Nr. 89
15. StAD NL Ebel 127, Brief vom 30.12.1935
16. StAD iv 1903, Brief von Liederley an Fahrenkamp vom 3.8.1937
17. Bushart 1984:170. Man hatte zuvor noch die Auftragsvergabe an Alexander Zschokke in Betracht gezogen, StAD xviii 1765
18. StAD xviii 1779

 

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