Die Rossehalter

 

Peter Grund hatte die Idee, den Haupteingang mit zwei großen Rossehaltern zu flankieren. Bereits im Sommer 1936 hatte er den Bildhauer Alfred Zschokke beauftragt, Skizzen und Modelle für dieses Projekt anzufertigen, scheinbar unter der Versprechung, dass der Auftrag weitgehend gesichert sei. 1 In der zweiten Augusthälfte forderte der Akademiedirektor ebenfalls Edwin Scharff auf, Entwürfe für die Großplastiken zu erstellen. 2 Als Zschokke nach einem Aufenthalt in seiner schweizerischen Heimat zurückkehrte, erfuhr er, dass an seiner Stelle Scharff den Auftrag erhalten hatte, der sich bereits seit längerer Zeit mit diesem antiken Motiv beschäftigte. 3 Zschokke war angeblich aufgrund seiner schweizerischen Staatsangehörigkeit aus dem Verfahren ausgeschieden, woraufhin er seine Entlassung aus der Düsseldorfer Kunstakademie beantragte. 4

Erst während einer Besprechung im August 1936 erwähnte Grund erstmals gegenüber dem Kustos der ‚ Gesellschaft zur Förderung der Düsseldorfer bildenden Kunst‘ seinen Plan, am Haupteingang zwei Rossehalter aufzustellen. Außer Grund, Zschokke und Scharff schien bis dahin noch niemand von dem Projekt gewusst zu haben. Konkrete Skizzen und Modelle hatte Grund bereits an der Hand, ebenso Modelle im Verhältnis 1:50, 1:20 und 1:10, aufgrund derer er Scharff scheinbar relativ verbindliche Zusagen gemacht hatte. 5 Grund vermittelte bei den Anwesenden den Eindruck, die Sache sei bereits entschieden und erreichte so sein Ziel: Die Stadt war mit dem Plan einverstanden. Auch gegen Scharff hatte man nichts einzuwenden, für den sich Grund mit ausdrücklichem Einverständnis der Parteistellen einsetzte. 6

A550 Der Bildhauer Edwin Scharff Q Sello 1956.2
A550 Der Bildhauer Edwin Scharff Q Sello 1956.2

Zunächst schien es jedoch, das Projekt müsse an den Finanzen scheitern, denn die Stadt war nicht bereit, die von Scharff geforderte Summe von 80.000 RM zu zahlen. Eine temporäre Ausführung in Gips für 40.000 RM, wie Grund sie vorschlug, wäre im Verhältnis noch teurer und wurde ebenso abgelehnt; es sollte passend zum Vorplatz das „urdeutsche Gestein“ 7 Granit sein. Da Grund die Großplastiken als unbedingt erforderlich ansah, 8 verhandelte man weiter und schließlich willigte Scharff ein, den Auftrag für 60.000 RM auszuführen, da er diesen Auftrag als die Aufgabe seines Lebens ansah. 9 Als Steinmetz wurde der Bildhauer Julius Haigis beauftragt. 10

Beim Vertragsabschluss wurde offensichtlich versäumt festzulegen, ob in den RM 60.000 das Honorar für den Künstler und die Ausführung der Sockel enthalten waren. Die Stadt als Auftraggeberin sah diese Summe als Festpreis an, 11 während Scharff meinte, der Betrag sei einzig für den Steinmetz und das Material und er habe das Recht, weitere Honorarforderungen von RM 10.000 zu stellen. Außerdem forderte er 5.000 RM als Abschlagszahlung für Baraufwendungen. 12 Als auch Haigis Nachforderungen stellte, da das Steinmaterial nicht ausreichte, kam es zu einem Eklat. Haigis warf Scharff vor, nachträglich Veränderungen an dem Modell vorgenommen zu haben, 13 wodurch Mehrkosten an Material von RM 6.886,- und ein Arbeitsmehraufwand von RM 6.463,50 entstanden seien. 14 Scharff erklärte sich zwar bereit, Mehrkosten in Höhe von einigen hundert Mark zu übernehmen, war aber nicht gewillt, die geforderten 12.500 RM zu zahlen, da die Veränderung am Modell nur geringfügig gewesen sei. Er hatte den gedrungenen Körper des Pferdes etwas verlängern wollen und deshalb das Modell zersägt, um einen Mittelteil einzufügen. Diese Veränderung habe er im Rahmen der „künstlerischen Bewegungsfreiheit“ 15 vorgenommen, für die er von Haigis bereits im Vorhinein eine großzügige Materialberechnung gefordert hatte.

A551 'Rossehalter' am Haupteingang Q StAD NL Emundts 9
A551 ‚Rossehalter‘ am Haupteingang Q StAD NL Emundts 9

Unter der Leitung von Julius Haigis schlugen schließlich dreizehn Steinmetze die Rosselenker nach Tonmodellen Scharffs in zweimal 56 Kubikmeter Rotflohser Rübezahlgranit, 16 bestehend aus je sechs Blöcken à 238 x 128 x 110 cm. 17 Die Kosten für das Projekt stiegen bis Anfang 1937 auf 135.000 RM. 18 Während die Stadt versuchte, herauszufinden, wer von den beiden an der Verteuerung schuld sei und ob man eventuell Grund verantwortlich machen könne, legte Haigis die Arbeit an den Großplastiken nieder, da er keine weitere Ratenzahlung mehr erhielt. Die Arbeit an den Plastiken hatte ohnehin sehr spät begonnen und war immer wieder verzögert worden. Die Verkleidung für die beiden Sockel war erst Mitte Januar bestellt worden, obwohl der Steinbruch vor eventuellen Lieferschwierigkeiten gewarnt hatte. Außerdem hatte man die Versetzung der Rossehalter auf die Sockel auf den 6. Februar verschoben, wozu ein Angestellter des Steinbruchs meinte, es sei ihm „unverständlich, wie sie jetzt von dem 6. Februar an gerechnet die beiden Figurengruppen bis zum 1. Mai fertig aufgestellt und vor allen Dingen auch fertig bossiert und hergerichtet haben wollen.“ 19

So kam es, dass am 8. Mai 1937, bei der feierlichen Eröffnung der Ausstellung, die Rossehalter als Unvollendete in den niederrheinischen Himmel schauten. Die rechte Figur stand noch gänzlich in Bosse, genau so, wie sie aus im Steinbruch präparierten Quadern aufgebaut worden war und auch die linke war unfertig weil nur grob ausgespitzt, obgleich dies im Vergleich mit ihrem Gegenüber nur den wenigsten auffiel. Offiziell hieß es, man wolle den Besuchern durch das unfertige Werk die Arbeit des schaffenden Volkes demonstrieren. 20 In diesem Falle wäre es nur konsequent gewesen, Haigis während der Ausstellung weiter arbeiten zu lassen.

A552 Der linke 'Rossehalter', der im Gegensatz zu seinem Gegenstück bereits weitestgehend ausgearbeitet war. Q StAD NL Emundts 9
A552 Der linke ‚Rossehalter‘, der im Gegensatz zu seinem Gegenstück bereits weitestgehend ausgearbeitet war. Q StAD NL Emundts 9

Das Ergebnis stellte weder Fahrenkamp zufrieden, der Scharff „nicht für einen bedeutsamen Monumentalbildhauer“ 21 hielt, noch war die Ausstellungsleitung zufrieden. Fahrenkamp äußerte zwar Bedenken, dass die Verantwortung einzig bei Scharff zu suchen sei, da die Verantwortlichen auch ohne viel Kunstverständnis zu der Erkenntnis hätten kommen müssen, dass es unmöglich sei, „in der sehr beschränkten Zeit so umfangreiche Monumentalplastiken aus dem schwer zu bearbeitenden Granit fertigzustellen“ 22 , doch konnte dies Scharff nicht vor folgenreicher Kritik von höherer Stelle schützen. Bei der Eröffnung der Ausstellung ‚Entartete Kunst‘ in München 1937 wurden Fotos der Rossebändiger gezeigt. Ein Ratsherr schrieb an Oberbürgermeister Liederley, um ihm hiervon zu berichten:

„Inmitten des Schundes, des Schmutzes liegen zwei Photographien der vor dem Ausstellungseingang [Schaffendes Volk] aufgestellten Pferdestandbilder. Hierzu liest man, dass die Stadt Düsseldorf an den Bildhauer Edwin Scharff sogar noch im Jahre 1937 Mk 120.000,– zahlte.“ 23

Diese Behauptung war zwar falsch, änderte an der unangenehmen Situation allerdings nicht viel. Zwar wurden die Bilder schon bald mit dem diplomatischen Vermerk zurückgeschickt, es müsse sich hierbei wohl um ein „Versehen“ gehandelt haben, 24 doch der Eklat blieb nicht aus. An zentraler Stelle standen in unübersehbarer Größe zwei Pferde, die von den beiden „Rossebändigern“ leicht am Zügel gehalten, keinen besonders gebändigten Eindruck machten. Das antike Motiv, ein Symbol der Herrschaft des menschlichen Geistes über die wilde Natur, forderte aber – besonders in der Auslegung der nationalsozialistischen Ideologie – die Bändigung des wilden Tieres durch den Menschen. Scharffs Rossehalter drückten im Gegensatz dazu weder Überlegenheit über die Pferde aus, noch ließen sie die Interpretation der „uralten Kameradschaft zwischen Mann und Pferd“ zu. 25 Die beiden Plastiken stellten aufmerksam blickende, temperamentvolle Pferde dar, die rechts und links vor dem Eingangstor stehend, eine Art Tor bildeten, durch welches der Besucher gehen musste, um auf das Ausstellungsgelände zu gelangen. Die Pferdehalter, denen trotz der antikischen Nacktheit des muskulösen Jünglingkörpers die heldenhaft-nordische Idealisierung anderer Rossehalter fehlten, 26 schienen mit den kräftigen Flanken der Tiere verschmolzen zu sein. Die Jünglinge dominierten weder die Tiere noch das Motiv, und selbst ihre geringe Größe gab keinen Anlass zu der Hoffnung, dass sie den Tieren gewachsen sein könnten.

A553 Der rechte Flügel des Haupteingangs mit dem in Bosse stehenden Rossehalter und einer Leuchtorgel. Rechts die 'Ehrenhalle der Partei' Q MB 1937.341
A553 Der rechte Flügel des Haupteingangs mit dem in Bosse stehenden Rossehalter und einer Leuchtorgel. Rechts die ‚Ehrenhalle der Partei‘ Q MB 1937.341

Die massiven Granitblöcke, nach Hitlers Motto: „Die Größe der Gegenwart wird man einst messen an den Ewigkeitswerten, die sie hinterlässt“, 27 waren „für die Ewigkeit“ geschaffen 28 und machten eine unauffällige Beseitigung der „Dinger“, wie Liederley sie in einem Brief abfällig nannte 29 – insbesondere nach der Ausstellungseröffnung – unmöglich. So blieb es dem Besucher nicht erspart – auch Adolf Hitler bildete da keine Ausnahme – durch die Abbilder der großen Tiere, die den Blick auf die Pferdehalter verdeckten, hindurchzugehen, um auf das Ausstellungsgelände zu gelangen.

Edwin Scharff erhielt schließlich seine RM 10.000 Honorar und 1938 nach einer gerichtlichen Auseinandersetzung mit der Stadt Düsseldorf und gegen den Willen des Kreisleiters der NSDAP Walter ebenfalls die noch ausstehenden 5.000 RM für den Kostenaufwand. 30 Allerdings musste er noch im selben Jahr die Kunstakademie verlassen. Der Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung hatte es “ aus grundsätzlichen Erwägungen nicht für möglich (gehalten), dass in der Ausstellung ‚Entartete Kunst‘ in München gezeigte Bildhauer und Maler … an öffentlichen Schulen weiterhin tätig sein können. 31 Scharff sollte die Düsseldorfer Kunstakademie freiwillig verlassen, „nicht nur wegen der Münchener Ausstellung, sondern weil die deutsche Jugend andere Erzieher braucht.“ 32 Scharff versuchte jedoch zunächst seine Stellung zu erhalten, argumentierte mit vom ‚ Führer‘ anerkannten Plastiken, die er während der letzten Jahre geschaffen hatte. 33 Doch seine ’systemfeindliche‘ Vergangenheit holte ihn ein: Nicht nur war er angeblich mit einer Jüdin verheiratet, 34 noch dazu hatte er sich vor 1933 im ‚Großen Künstlerrat‘ der Münchner Räteregierung betätigt, war ständiger Mitarbeiter der expressionistischen Zeitschrift ‚Museum der Gegenwart‘ und „besonderer Favorit der jüdisch linksstehenden Kunsthändler“. 35 Seine Gegenwehr blieb erfolglos, zumal auch Fahrenkamp, der zunächst hinter Scharff gestanden und die Qualität der Rossehalter rechtfertigt hatte, seine Meinung über den auf „bolschewistischem Boden“ stehenden Künstler revidierte und einer Entlassung Scharffs nicht weiter widersprach. 36

Nachdem auch sein Gnadengesuch an den ‚Führer‘ abgelehnt worden war, gab Scharff dem Druck nach und bat am 3. März 1938 um seine Beurlaubung. Ein Jahr später stellte er Antrag auf endgültige Versetzung in den Ruhestand. Seine Gesundheit sei während der letzten fünf Jahre zerrüttet worden und er sah sich außerstande, seine Tätigkeit wieder aufzunehmen.

Scharff war ehrlos aus dem Dienst ausgeschieden, seine Plastiken blieben jedoch als weithin sichtbare Wahrzeichen vor der Tür einer nationalsozialistischen Ausstellung stehen. Fast ein Jahr nach der Ausstellung, im Juni 1938, errichtete man um einen der Rossehalter erneut ein Gerüst; 37 es war nicht etwa die immer noch in Bosse stehende Figur, sondern die von weniger aufmerksamen Besuchern als fertig erachtete. Diese sollte zunächst fertiggestellt werden und bei einem befriedigenden Ergebnis auch die andere Plastik. Es dauerte ein weiteres Jahr, bis „die Figur des Roßhalters […] plastischer und lebendiger“ war und auch das Pferd seine „notwendige Rundung“ erhalten hatte. 38 Die Entscheidung der Kommission über die Erhaltung der Rossehalter fiel positiv aus und somit konnte auch mit der Arbeit an der zweiten Figur begonnen werden, die 1940 beendet wurde. 39

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1. StAD xviii 1765, Brief vom 19.8.1937
2. StAD xviii 1765, Brief von Scharffs Rechtsanwalt Wiedemann vom 27.9.1937
3. StAD xviii 1765, Brief vom 19.8.1937
4. HStAD Reg. Düsseldorf 55848 I
5. StAD xviii 1765, Brief vom 19.8.1937
6. HStAD Reg. Düsseldorf 55848 I
7. Petsch 1987:36f
8. STAD xviii 1965, Brief vom 19.8.1937
9. STAD xviii 1965, Brief vom 19.8.1937
10. StAD xviii 1765; Haigis war als alter Kämpfer in der vorteilhaften Position, Aufträge von der Stadt zu erhalten, StAD xviii 1761
11. Die Stadt Düsseldorf hatte sich bereit erklärt, die Kosten für die Großplastiken zu übernehmen, da sie nach der Ausstellung der Stadt erhalten blieben, StAD xviii 1765
12. StAD xviii 1704, Protokoll vom 15.7.1937
13. StAD xviii 1765, Brief vom 27.9.1937
14. StAD xviii 1745, Brief vom 3.4.1937
15. StAD xviii 1765, Brief vom 27.9.1937
16. Houben 1984:106f; Deutsches Steinbildhauer-Journal 19.1937:o.S.
17. StAD xviii 1765
18. StAD xviii 1765, Brief vom 9.1.1937
19. StAD xviii 1765, Brief vom 22.2.1937
20. DN Nr. 212 vom 28.4.1939, Morgenausgabe
21. Fahrenkamp war der Ansicht, dass die Begabung Scharffs auf einem anderen, nicht genannten Gebiet lag, Brief Fahrenkamps an den Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung vom 14.2.1938
22. Brief Fahrenkamps an den Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung vom 14.2.1938
23. StAD xviii 1765, Brief vom 30.7.1937
24. StAD xviii 1765
25. Bushart 1984:168
26. Vgl. hierzu die Rossehalter Wackerles auf dem Berliner Reichssportfeld S. Rittich 1938:44 oder die Plastiken von Breker und Hahn vor der deutschen Hochschule in München, Bushart 1984:168
27. Zit. in Baugilde 7.1936:197
28. Zumindest dies entsprach Hitlers Wunsch, der gefordert hatte: „Wir müssen so groß bauen, als die technischen Möglichkeiten dies heute gestatten, und zwar bauen für die Ewigkeit“, zit. in Miller-Lane 1986:181
29. StAD xviii 1765, Brief von Liederley vom 3.8.1937, er war der Ansicht, dass nach seinem unmaßgeblichen Urteil die Rossehalter auf die Bezeichnung „Kunstprodukt“ keinen allzu großen Anspruch hatten, ebda.
30. StAD iv 18675
31. Brief des Reichs- und Preußischen Ministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung vom 30.7.1937, HStAD Reg. Düsseldorf 55848 I
32. HStAD Reg. Düsseldorf 55848 I
33. Zu diesen Plastiken gehörten u.a. eine Büste Hindenburgs, die im Reichstag augestellt war, Büsten von Goethe, Beethoven und Kant auf dem Olympiagelände, HStAD Reg. Düsseldorf 55848 I
34. Brief der NSDAP an das Ministerium vom 22.9.1938, HStAD Reg. Düsseldorf 55848 I
35. Brief der NSDAP an das Ministerium vom 22.9.1938, HStAD Reg. Düsseldorf 55848 I
36. Brief der NSDAP an das Ministerium vom 22.9.1938, HStAD Reg. Düsseldorf 55848 I
37. DN vom 18.6.1938, Morgenausgabe
38. DN vom 18.6.1938, Morgenausgabe
39. Bushart 1984:167

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