Die Kunst

Da sich Düsseldorf von je her als Kunststadt betrachtete, durfte auf einer Ausstellung wie dieser die Präsentation der bildenden Künste natürlich nicht fehlen. Seit 1852 war es Sitte, Düsseldorfer Ausstellungen mit Kunstausstellungen zu verbinden und so entschloss sich die Ausstellungsleitung auch hier – im Zuge des Kunst-am-Bau-Programms – die Kunst zu fördern. 1 Finanzielle Mittel wurden für die folgenden drei Bereiche bereitgestellt: die Künstlersiedlung mit den Atelierhäusern und dem Gemeinschaftshaus, eine Ausstellung Nord-Westdeutscher Kunst und natürlich für Plastiken als Schmuck für die Gartenschau und das restliche Ausstellungsgelände. Zu dieser ‚Kunst im öffentlichen Raum‘ gehörten einige Skulpturen, insbesondere die beiden Rossehalter sowie einige Wasser- und Lichtspiele.

Die Auftragsvergabe hatte sich ausschließlich an Düsseldorfer Künstler gerichtet, die der Parteileitung der NSDAP zudem positiv aufgefallen sein mussten. Besonders Kreisleiter Walter, Kulturdezernent Ebel und Oberbürgermeister Wagenführ setzten sich weniger für qualifizierte als vielmehr für linientreue Künstler ein. 2 Wie sehr die künstlerische Gestaltung der Ausstellung durch Parteistellen und Politiker bestimmt wurde, die sich offensichtlich mehr Sachkenntnis zutrauten als ihnen zustand, wird in den folgenden Beschreibungen deutlich. Ein besonders kurioses Beispiel dieser durch dreiste Naivität bestimmte Einmischung in fachfremde Angelegenheiten war die Aufforderung des Kreisobmanns der DAF, der forderte, wegen der zu erwartenden Kongresse im Zusammenhang mit der Ausstellung ‚Schaffendes Volk‘ die noch aus der „Systemzeit“ stammenden, „expressionistischen“ Bilder im Rheingoldsaal der Gesoleischen Rheinterrassen zu entfernen. Der Kreisobmann der DAF verlangte nun vom Oberbürgermeister, den Auftrag zu erteilen, dass die Bilder, von denen man häufig nicht einmal wisse, was sie darstellen sollten, „überstrichen werden und an deren Stelle dann schöne Heimat-Motive aus der näheren Umgebung Düsseldorfs aufmalen zu lassen [sic!]. Die Unkosten hierfür können garnicht so groß sein, da es sich, wie ich annehme, um einfache Wasserfarben [!] handelt.“ 3

Die Kunstausstellung

„Ausstellungen der Kunst- und Gartenstadt Düsseldorf werden nicht vorstellbar sein ohne Kunstausstellungen.“ 4 Gemäß diesem Motto wurde auch zur Ausstellung ‚Schaffendes Volk‘ durch die ‚Große Kunstausstellung Düsseldorf 1937‘ ein „harmonischer Ausgleich zur Wirtschaftsschau“ geschaffen. 5 Die geringe Qualität der Werke beweist aber, dass die Kunst auf dieser Ausstellung weitaus weniger Bedeutung hatte als bei früheren Ausstellungen. Dies wird besonders deutlich, wenn man sich den Etat vor Augen hält, der für den gesamten künstlerischen Teil der Ausstellung wie Plastiken, Kunstausstellung etc. zur Verfügung stand. Auch wenn sich die ursprünglich veranschlagte Summe von 72.000 RM bis zur Ausstellungseröffnung auf 194.000 RM erhöhte, so stellt diese Summe doch immer noch weniger als ein Prozent des gesamten Ausstellungsetats dar. 6 Laut ‚Kunst-am-Bau-Erlass‘ vom 22.5.1934 sollte bei allen Hochbauten der öffentlichen Hand ein „angemessener Prozentsatz der Bausumme für die Erteilung von Aufträgen an bildende Künstler und Kunsthandwerker“ 7 aufgewendet werden. Über diese rechtliche Verpflichtung hinaus stellte die Ausstellungsleitung daher keinen Etat für die Förderung der Kunst zur Verfügung.

A500 Die Halle der Kunstausstellung Q Broschüre zur Kunstausstellung 1937
A500 Die Halle der Kunstausstellung Q Broschüre zur Kunstausstellung 1937

Wie auch bei der Vergabe der Bildhaueraufträge wurde als Organisator der Kunstausstellung offiziell die 1934 gegründeten ‚Gesellschaft zur Förderung der Düsseldorfer bildenden Kunst e.V.‘ angegeben, 8 praktisch aber hielten die parteitreuen Mitglieder des Ausstellungsvereins, insbesondere Stadtrat Ebel, die Fäden in der Hand. In diesem Zusammenhang klingt der feierlich-eidartige Ausspruch Liederleys „Ich werde der Kunstpolitik Düsseldorfs meine ganze Aufmerksamkeit widmen und jeder Zeit für alle auftretenden Schwierigkeiten und Nöte ein offenes Ohr haben“ 9 wie Hohn.

Stadtrat Ebel, seit 1934 Mitglied des Kulturausschusses des Deutschen Gemeinderates, 10 übertrug dem ehemaligen Akademiedirektor Roeber die Aufgabe, die Kunstausstellung zu organisieren; 11 die künstlerische Oberleitung hatte Julius Paul Junghanns 12 .

A501 Ausstellungsraum der Großen Kunstausstellung Q MB 1937.348
A501 Ausstellungsraum der Großen Kunstausstellung Q MB 1937.348

Problematisch war die Wahl des Themas. Die zunächst vorgesehene Ausstellung internationaler Künstler verbot sich durch die Ausrichtung auf den Vierjahresplan. 13 Aber auch eine große deutsche Ausstellung hätte Probleme bereitet, da im selben Jahr das ‚Haus der Kunst‘ in München eröffnet werden sollte und Interferenzen nicht wünschenswert waren. Dazu kam, dass Ebel und der neue Leiter des städtischen Kunstmuseums Hans-Wilhelm Hupp bereits 1935 versucht hatten, ihren nationalsozialistischen Kunstgeschmack zu beweisen. Gemeinsam hatten sie die Galerie der Neuzeit eröffnet, die schon am nächsten Tag aufgrund vehementer Kritik wieder geschlossen werden musste; 14 die Rheinische Landeszeitung widerrief sogar im Nachhinein ihre positive Besprechung der kurzen Dauerausstellung. 15 Offensichtlich waren vor allem die gezeigten Bilder von Kokoschka und Pechstein, „zweier notorischer Kulturbolschewisten“ 16 in der Schau nationalsozialistischen Kunstschaffens für den Skandal verantwortlich. Man hat die Galerie daraufhin auf den rheinischen Raum begrenzt und die Bilder der genannten Künstler abgehängt, obwohl man das eigentlich gar nicht einsehen konnte, denn Kokoschka und Pechstein „[waren] doch gar keine Juden“. Um Gewissheit zu erlangen, richtete man sich an den Gauleiter, der sich an die zuständigen Parteistellen wenden sollte, um die Unsicherheit zu klären und einige dringende Fragen zu beantworten, denn es herrschten „innerhalb der Parteigenossenschaft über die Stellungnahme der Kunst der letzten dreißig Jahre stark voneinander abweichende Meinungen“: 17

„1. Sind Max Pechstein und Oskar Kokoschka Juden?
2. Sind die beiden genannten Maler als Kulturbolschewisten zu betrachten?
3. Bestehen Bedenken, daß Werke von Pechstein und Kokoschka in einem Museum hängen?“
18

Schließlich schickte Rosenberg eine Liste mit den Namen von 57 empfehlenswerte Künstlern, eine weitere Liste mit 25 Malern und Bildhauern, die die NSDAP ablehnte, kam vom Oberbürgermeister. 19 Daraufhin wurden auch Bilder von Pudlich und Laahs aus der Galerie entfernt. Hupp schrieb kommentierend an Ebel, dass selbstverständlich jetzt nur all jene Künstler vertreten seien, gegen die bisher nichts gesagt wurde. Was noch kommen würde, vermochte er „selbstverständlich“ nicht zu überschauen. 20

Um bei der Ausstellung ‚Schaffendes Volk‘ einen möglichst sicheren Weg zu gehen, wollte man sich auf ein überschaubares Teilgebiet konzentrieren. Und was lag näher, als zeitgenössische nordwestdeutsche Kunst darzustellen. Die in Frage kommenden Gaue wurden aufgefordert, für die Ausstellung Kunstwerke einzuschicken. 21 Eine Vor- und eine Zentraljury wählte aus über 2.000 Einsendungen ca. 575 Werke aus, 22 die in einer für diesen Zweck errichteten Halle ausgestellt wurden.

Das Gebäude von Hans Klüssendorff und Wilhelm Brink bildete den Endpunkt der Hauptachse und lag zwischen dem Ausstellungsgarten und dem Vergnügungspark. Der mit der Plastik Schwipperts versehene Innenhof des hufeisenförmigen Baus hatte einen überdachten Pfeilerabschluss und öffnete sich in Richtung Rückfront der Neuen Kunstakadmie. 23 Die Architektur der Halle schien von höherem ästhetischen Wert zu sein als deren Inhalt. So beschrieb das Düsseldorfer Tageblatt die Halle als ein „schlichtes Gebäude, dessen großartige architektonische Gestaltung der hohen Bestimmung des Innern einen würdigen Rahmen gibt.“ 24 Die Ausstellungsleitung schien von dem 165.000 RM teuren Bau weniger begeistert, denn in dem Rechtfertigungsbericht von 1939 hieß es lapidar, dass ein „in jeder Hinsicht recht brauchbar belichteter Hallenbau“ der Ausstellung „ein durchaus geeignetes Heim“ gab. 25

Auch in den Räumen scheint das Ergebnis nicht sehr befriedigend ausgefallen zu sein, denn die 575 Ölgemälde, Zeichnungen, Radierungen, Aquarelle und Plastiken 26 mussten auf nur 750 laufende Meter verteilt werden. Erschwert wurde dieses Unterfangen durch die Größe mancher Bilder, da sich vereinzelt „das Bemühen breit [gemacht hatte], die Wand zu erobern.“ 27 Thematisch zeigte sich neben Porträts vor allem eine deutliche Bevorzugung der Landschaft, der bäuerlichen Genremalerei und von Handwerker- und Soldatenbildern. Aber selbst diese leicht konsumierbare Malerei rief noch kritische Reaktionen hervor; Adolf Hitler, der am 2. Oktober, zwei Wochen vor der Schließung, die Ausstellung inspizierte, stattete auf seinem fünfstündigen Rundgang 28 auch der Kunstausstellung einen Besuch ab und ließ Carl Lauterbachs ‚Straße im Regen‘, eine im Zweiten Weltkrieg zerstörte grafische Darstellung einer Straßenszene mit von Regen und Wind gebeugten Menschen, entfernen: Die von der Düsseldorfer Lokalzeitung als „unsentimental-empfindungsstark“ gezeichnet beschriebene Szene 29 „entsprach nicht dem Bild eines von den Nationalsozialisten geforderten sonnigen Lebens“ 30 und war von der Volksparole bereits kurz nach der Ausstellungseröffnung angegriffen worden: „Carl Lauterbachs peinlich an George Groszsche Vorbilder erinnernde ‚Straße im Regen‘ verdankt offenbar nur der Großzügigkeit der Jury ihren Aufenthalt in der Schau.“ 31

A502 Die von Carl Lauterbach gemalte 'Straße im Regen' Q Katalog der Kunstausstellung 'Nordwestdeutsche Kunst auf der Großen Reichsausstellung Schaffendes Volk' 1937
A502 Die von Carl Lauterbach gemalte ‚Straße im Regen‘ Q Katalog der Kunstausstellung ‚Nordwestdeutsche Kunst auf der Großen Reichsausstellung Schaffendes Volk‘ 1937

Die Ausstellung wurde trotz aller Widersprüche als positiver Beleg dafür gesehen, dass der Unterschied zwischen jungen und alten Künstlern nivelliert worden war und die Künstlerschaft nunmehr gemeinschaftlich zusammenstand. 32 Dieser Sieg der traditionellen Kunst über moderne oder gar avantgardistische Tendenzen wurde als eine natürliche Entwicklung angesehen, und nicht als das, was sie war: eine parteipolitisch forcierte Unterdrückung und Bekämpfung sogenannter ‚undeutscher‘ Kunstauffassungen. Trotz eines zusätzlichen Eintrittsgeldes verirrten sich 112.000 Menschen in die Kunstausstellung, im Vergleich zur Gesamtbesucherzahl jedoch eine äußerst geringe Zahl: nicht einmal jeder fünfzigste Besucher. Dennoch wurden 120 Werke für insgesamt 32.000 RM verkauft. 33

Weitere Malerei konnte man an vielen Plätzen der Ausstellung finden. Neben der Wandmalerei am Künstlergemeinschaftshaus war dies vor allem in den verschiedenen Hallen der Fall. So hatte Kurt Otte, ein Meisterschüler Peiners, ein rundlaufendes Wandbild für die Firma Mannesmann erstellt und Henkel zeigte ein Großfresko Hans Kohlscheins, das „zwischen Volkstümlichkeit der Wirkung und farbigem Geschmack eine Mitte [suchte].“ 34 Zu Schwierigkeiten kam es in der Krupp-Halle, in der Freskomalereien des Stuttgarter Malers Janssen ausgestellt waren, gegen die die Ausstellungsleitung „künstlerische Bedenken“ hegte. 35 Offensichtlich hatte man daraufhin die Bilder verkleidet. Die Aussteller entschuldigten die Qualität der Arbeiten jedoch mit dem ungeheuren Zeitdruck und meldeten der künstlerischen Leitung, dass sie die Verkleidung wieder entfernen wollten. 36

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1. Bushart 1984:166
2. Vgl. StAD xviii 1765
3. StAD iv 1896a, Brief vom 23.3.1937
4. Junghanns 1937:117
5. Ebel 1939:122
6. Bushart 1984:167
7. Rittich 1938:141f
8. Junghanns 1937:117. Die Gesellschaft war Nachfolgerin des Düsseldorfer ‚Vereins zur Veranstaltung von Kunstausstellungen‘, Görgen 1968:182
9. DT vom 18.5.1937
10. Hüttenberger 1989:542
11. Junghanns 1937:117. Prof. Fritz Roeber war vor dem Ersten Weltkrieg Akademiedirektor in Düsseldorf, DT vom 22.5.1937
12. DT vom 18.5.1937
13. An der zunächst in Erwägung gezogenen pangermanischen Kunstausstellung sollten Schweden, Norwegen, Dänemark, Finnland, Holland, England und Belgien teilnehmen, DT 18.5.1937
14. Alberg 1987:20 Eröffnung 17.7.1935 Görgen 177; vgl. hierzu auch Hüttenberg 1989:542ff sowie Rischer 1992:15ff
15. Görgen 1968:83. Begründet wurde diese peinliche Aktion damit, dass ein freier Mitarbeiter, dem man vertrauensvoll Freiheiten gelassen hatte, in seinem Bericht bewiesen habe, dass seine Geisteshaltung nicht den nationalsozialistischen Idealen entspreche.
16. Görgen 1968:178
17. StAD iv 3746, Briefentwurf vom 18.7.1935
18. StAD iv 3746, Briefentwurf vom 18.7.1935
19. Görgen 1968:180
20. Görgen 1983: 21
21. Zu diesen Gauen gehörten Essen, Hannover-Süd, Köln-Aachen, Weser-Ems, Westfalen-Nord und Westfalen-Süd, DT vom 18.5.1937
22. Die 2.000 Werke waren die Bilder, die nach einer Vorauswahl in den teilnehmenden Gauen bereits in die engere Auswahl gekommen waren. Diese wurden dann nach Düsseldorf geschickt, Sommer 1937, O.S.  DT vom 16.5.1937
23. Meyer 1939:91
24. Sommer 1937, O.S. in DT 16.5.1937
25. Junghanns 1937:117
26. Der Bereich Plastik war nicht sehr stark vertreten, ein großer Teil der hier ausstellenden Künstler war aus dem Kreis der von der AL beschäftigten Bildhauer: u.a. Scharff, Székessy, Martini, Gottschalk, Ittermann, Knubel; DLZ vom 22.5.1937
27. Walter 1939:317
28. StAD iv 1897
29. Sprüngli 1937, o.S. in DLZ Nr. 20 vom 22.5.1937
30. Carl Lauterbach war einer der wenigen Düsseldorfer Künstler, die als Widerstandskünstler bezeichnet werden können, vgl. Alberg 1987:35, 72
31. VP vom 29.6.1937, zit. in Katalog Carl Lauterbach 1981:25
32. DT Nr. 134 vom 18.5.1937
33. Junghanns 1937:118
34. Cremers 1937
35. StAD xviii 1754, Brief vom 3.9.1937
36. StAD xviii 1754, Brief vom 3.9.1937

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